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Arne, Henning & Tom on Tour - Konzerttagebuch

Jenseits von Millionen auf der Burg Friedland

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Seit über 10 Jahren veranstalten die Macher des Jenseits von Millionen Festivals ein viel beachtetes Musikfestival auf der Burg Friedland in der Niederlausitz, ca. 1,5 Autostunden südlich von Berlin. Die Geschichte der Burg reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück und im beschaulichen Innenhof des Ecks werden durch die geschmackssicheren Veranstalter alljährlich Bands gebucht, die, wie es die INTRO so schön formuliert hat, „zwei Jahre später die heimische Musikpresse bejubelt“. Der Sigge Rocktours Express machte sich zum ersten Mal auf den Weg nach Friedland.

Auch in diesem Jahr unterstützt das Festival mit 2€/je Ticket das Projekt der Hilfsorganisation „Raise a Smile“.  Eine gute Idee, die die konzeptionelle Festivalidee der Nachhaltigkeit sehr gut ergänzt.

Die schönen Brandenburger Alleen säumen den Weg zur Burg Friedland und mit jedem Kilometer den man sich von der hektischen Betriebsamkeit der Berliner Millionenmetropole entfernt, taucht man in die ländliche Brandenburger Idylle ein, die einen durchatmen lässt und deren Beschaulichkeit man sich nicht entziehen kann.

Friedland ist solch ein Dorf. Frische Farben, neue Borde, glänzende Dächer. Der „Charme des Sanierten“ empfängt einen bereits am Dorfeingang. Rasch erkennt man jedoch, dass dieser erste Eindruck an vielen Ecken gebrochen wird und die Ursprünglichkeit des „längst Vergangenen“ sichtbar ist.  Stumme Zeugen einer anderen Zeit.

Im Zentrum, auf dem Marktplatz, steht die alte (sanierte) Dorfkirche. In hübscher Eintracht harmonieren nebeneinander das moderne „Eiscafé am Markt“ und der „Friseur am Markt“. Leckere  „Eisspezialitäten“ und das ortsübliche „Kännchen Kaffee“, kann man sich zu moderaten Preisen munden lassen. Sehr schön. Der Marktplatz lädt zum Verweilen ein und polnische Gemüse-und Obsthändler bieten ihre Waren an. Geht man zwei Schritte weiter, begegnet man der Fleischerei Haase, die seit 1910 die Friedländer mit Fleisch-und Wurstspezialitäten zuverlässig versorgt. Altes und Neues. Gestern und Morgen.

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Die Revolution ist tanzbar

Der Zeltplatz auf dem Sportplatz für die „Jenseiter“ liegt einen Steinwurf von der Burg entfernt und pünktlich um 15:30 Uhr begann das diesjährige Jenseits von Millionen Festival. Gut finde ich, dass die Bands nacheinander spielen und es kein Gehetze zwischen den Bühnen und Auftrittsorten gibt oder gar ein „Entscheidungsdilemma“ entsteht, wenn -wie so oft- 2 Bands gleichzeitig spielen die man sehen möchte. Die gesamten 2 Tage führte uns sehr charmant, humorvoll und im breiten Berlinerisch, DJ Frank Fichna durch das Programm, der schon seit einigen Jahren das Festival begleitet. Mir hat das gefallen.

Der erste Tag war reich an musikalischen Höhepunkten. Mir haben vor allem die tollen Slow Steve sehr gut gefallen, die Ihren ganz eigenen Charme aus französischem Chanson und Indie Pop basteln und hoffentlich noch mehr Lieder in des Sängers Muttersprache (Französisch) schreiben. Das war wunderbar anzuhören. („Josephine II-Riviere“).

Die rotzigen Girlie, 3 junge Männer in den 20igern, spielten am wolkigen Nachmittag und mit ihrem „Indie-Punk“ rüttelten sie den Burghof gehörig durch. So roh und unfertig sie klangen, so manch  Brandenburger Ecke steht dem in nichts nach. Toll!

Sehr gut fand ich den Auftritt vom Masha Qrella, die zwischen Diskopop/Indietronik und Songwriting wunderbare Songs formt.  Mit ihrer warmen Stimme und Ihrer ausgezeichneten Rhythmusfraktion, schuf sie eine wohltuende  Stimmung, die sich malerisch mit dem rot eingefärbten Himmel des nahenden Sonnenuntergangs  verband.

Still Parade konnten mich mit ihrem atemberaubenden und fast 13 minütigen Schluss- Song begeistern. Mit einem „elektronischen Feuerwerk“ knallten sie mir spät am Abend förmlich jeden Zweifel an ihnen aus den Beinen und dem Kopf und ließen die kühlen Temperaturen fast vergessen.

Klaus Johann Grobe kamen wie immer frisch, frank und frei und mit neuer Frisur ( Dani am Schlagwerk) auf die Bühne und spielten einen tollen Headliner Set, der erst weit nach Mitternacht enden sollte. Trotz der technischen Probleme mit einer Box ( die schließlich komplett ausfiel) spielten sie groß auf und ließen sich davon nicht beirren. Die fröstelnde Menge tanzte, wippte und war sichtbar erfreut ob des  schicken Orgelsounds von Sevi Landolt und den tollen Basslinien Ihres Tour Bassisten.  Die Band hatte diesmal auch ein paar Songs im Repertoire , die ich bisher live noch nicht hören konnte. Das hat mich gefreut und  rundete den ersten und regenfreien Tag perfekt ab.

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In einem Flachbau zwischen Zeltplatz und Burg, konnten sich dann die tanz-und feierwütigen Festivalteilnehmer bei guter Musik vom Band aufwärmen und bis zu den ersten Sonnenstrahlen das Tanzbein schwingen.

Neue Boxen,  Stella, Hendrik und der 2. Tag.

Die Sonne schien. Der Himmel erstrahlte ganz in blau. Eine frische Brise wehte übers Land. Das „Katerfrühstück“- ein kleiner Stand am Zeltplatz- lud zu frisch belegten Brötchen und Kaffee ein und der übermüdete „Jenseiter“ konnte den Tag entspannt starten.

Der 2. Festivaltag begann am frühen Nachmittag und die fleißigen Millionenhände werkelten bereits weit vor dem Öffnen des „Burgtores“. Man hatte immer den Eindruck, dass das ganze Team präsent, freundlich und hilfsbereit und somit der Garant für eine perfekte Organisation war.

Interessant waren auch die  „Handmade“ Wasserspender. Diese musste man wie ein Gaspedal treten , damit über einen „Faden“ der mit Wasser gefüllte Kanister in Neige versetzt wurde und aus einem 5mm Löchlein das kostbare Nass auf die zu reinigenden Hände tröpfeln konnte. Wer bis dato kein nasses Schuhwerk hatte und auch diese „Wasserprobe“ bestand, ist nun ein „echter“ „Jenseiter“. Fein! Ob diese  Konstruktion bereits patentiert ist, konnte der Autor bis zum Redaktionsschluss dieser Zeilen nicht mehr in Erfahrung bringen.

IMG_4671Die Soundboxen wurden „über Nacht“ getauscht und alles war angerichtet. Frisch, keck und mit einem Kaffee in der Hand, kam Frank Fichna gegen 14:30 Uhr, um die erste Band Trucks anzukündigen.

Die jungen Burschen spielten einen zornigen und aufhorchenden Gig und vom dem, was ich verstehen konnte, mit guten deutschen Texten. Ich bin gespannt, was da noch folgen wird.

Der 2. Tag wurde dahingehend erweitert, dass in den Umbaupausen weitere Konzerte in der Kirche auf dem Marktplatz stattfinden sollten. Eine wunderbare Idee, und die 200m Fußweg lockerten Körper und Geist. Ich habe dort Michal Biela gesehen und fand Ort und Darbietung sehr schön. Er erinnerte mich stimmlich an den großen Jason Molina (Magnolia Electric Co), wenngleich auch der Kirchenraum und die Besucher, die eingestöpselte E-Gitarre gern gehört hätten. Das war deutlich zu leise, was auch zur Folge hatte, dass mancher „Jenseiter“ sein müdes Köpfchen unter Gottes Blick auf die Gebetbank legte und die Augen schloss!

IMG_4795Die Heiterkeit mit ihrer bemerkenswerten Frontfrau Stella Sommer, kamen als nächstes auf die Burg. Ein wenig gehetzt wirkend, ohne das Publikum auch nur eines Blickes zu würdigen, spielte sie sich mit ihrer Band durch das Repertoire. Die außerordentlich markante Stimme von Stella Sommer, die mich immer an die große Zarah Leander erinnert, trug das Set. Die strenge Kühle und „greifbare“ Unnahbarkeit, war während des Auftritts spannend zu beobachten und gerade aus diesem Umstand heraus, schöpft sie durchaus Ihre ganz eigene Anziehungskraft. Eine Interaktion mit dem Publikum blieb völlig aus und hat, wer weiß das schon, womöglich ihren konzeptionellen Ansatz:

„Wozu „quatschen?“. Hört meine Lieder! Das ist, was ich zu sagen habe, fertig“

Mich ließ das Ganze – auch musikalisch – ein wenig ratlos zurück.  Mit ihrem dritten „Vielen Dank“ während des 45 – minütigen Auftritts, marschierte Stella Sommer rasch von der Bühne.

Die Oracles und Locas in Love spielten danach fluffige, kurzweilige und sympathische Burggigs und begeisterten mich und das Publikum, bevor der großartige deutsche Autor Hendrik Otremba im Dunkel der Nacht mit seiner Band Messer, die beängstigend und bedrohlich wirkenden ersten Textzeilen des Sets in den kalten Abendhimmel hauchte:

„Es riecht nach Regen/ riecht nach Metall/ es schmeckt nach Blut in deinem Mund/ wir schlagen auf es/ ist vorbei/ und wir verlieren uns im Wahn.“

Stella Sommer, jetzt ganz nahbar, sang zusammen mit Hendrik Otremba den Refrain „So sollte es sein“. Grandios!

Nach diesem fantastischen Intro erwachte das „Tier“ in Otremba und der Burgfrieden war dahin. Furios, „bissig“ und nach vorn gehend, spielten er und seine tollen Mitmusiker einen rasanten Gig. Der eher zurückhaltend wirkende Autor („Hi, wir sind Messer, hi“ mit einem „lächelnden Vibrato“ in der Stimme) schreibt nicht nur die brillanten Texte sondern offenbarte (mir zum ersten mal live) seine unglaublichen Frontmann Qualitäten. Großartig war das anzuhören und anzusehen.

We Are The City aus Vancouver beendeten mit einem Gemenge aus Elektro, Drums, Gitarre und Keyboard das Festival, wobei mir nicht ganz klar wurde, warum der etwas überambitionierte Drummer zum Schluss seine sicher nicht billige Snare Drum vor den Augen des Publikums komplett zerstörte. Nun gut. Meins war das nicht.

Zum Abschluss des Festivals kam das ganze JvM Team auf die Bühne und das dankbare Publikum applaudierte für ein gelungenes Wochenende.

Kein Dreck, kein Schlamm, kein Stress, keine Hörner, keinen „Ring“- perfekt und einzigartig.

Fried-land. Brandenburg.

Jenseits von Millionen.

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank. So und ähnlich hab ich das auch erlebt. Was für ein Wochenende!

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