Mit Ihrem letzten Song im Hauptteil des Abends „This is Who I`am“ brachte es Celeste auf den Punkt:
For only you may ever see me true So only you can tell them this is who I am This is who I am.
Zerbrechlich, mit einem Hauch von Melancholie in ihrer unverwechselbaren Stimme, öffnete sie mit diesem Song ihr Herz und streckte ihrem Publikum die Arme entgegen. Die Botschaft schien klar: Akzeptiert und respektiert mich so, wie ich bin.
„GET READY FOR LOVE!“ brüllt der Mann im Anzug ins Mikro. Er meint es ernst, gibt kurz darauf den weiteren Weg für den Abend vor: From Her to Eternity. Die Menschen um uns herum und auch wir strecken in völliger Begeisterung ihre Hände nach ihm aus.
Bis in alle Ewigkeit
Bis in alle Ewigkeit wird sich dieser Abend bei vielen sicherlich ins Gehirn einbrennen. Bei dem charismatischen Mann mit schwarzem Haar, der hier innerhalb weniger Sekunden das Publikum voll im Griff hat, handelt es sich um Nick Cave. Diverse Male haben wir ihn in den letzten Jahren schon gesehen, zuletzt in der Hamburger Elbphilharmonie. Damals solo, heute steht er wieder mit den Bad Seeds auf der Bühne. Bisher konnten wir das Treiben immer nur von der Tribüne aus erleben, einmal wollten wir auch in den Hexenkessel vor der Bühne. Die Besonderheit bei Nick-Cave-Konzerten ist, dass der vorderste Wellenbrecher, der die Konzertbesucher vom Bühnengraben trennt, einen kleinen, gut 50 cm breiten Steg erhält, auf dem der Meister so nah wie möglich an seinen Fans performt. Immer wieder wechselt er zwischen der eigentlichen Bühne und dem kleinen Steg hin und her, lehnt sich ins Publikum, sucht den direkten Kontakt.
Es hat diesmal ein paar Tage gedauert, bis wir dann die halbwegs korrekte Setlist des Jack White Auftritts in der Columbiahalle rekonstruiert hatten. Neben den großen Hits gab es eine wilde Blues-Garagenrock-Abfahrt mit einigen abseitigen Coverversionen. Ein Schwerpunkt lag allerdings auf neuem Material – den beiden aktuellen Singles aus einem kommenden Album und Auszügen aus der kompakten und furiosen 2024-iger Sammlung “No Name“.
Nach einer Reihe von Alben, die sich eher nicht so sehr in unsere Erinnerung eingeschrieben haben, hat Jack White mit besagtem “No Name” wieder deutlich zu alter Hochform zurückgefunden. Nicht, dass er an seinem künstlerischen Konzept groß etwas geändert hätte: Die Reduktion aufs Wesentliche ist hier der Schlüssel – sogar beim Godfather-of-Reduktion-aufs-Wesentliche scheint dieses abgenudelte Klischee noch zu gelten!
Gewalt vermutet man in Bielefeld richtigerweise hinterm Bahnhof. Schon im letzten Jahr gastierte die Berliner Noise-/Wut-Wave-Band im Nummer-zu-Platz. In diesem Jahr spielte man im wenige hundert Meter entfernten, größeren Forum, wenn auch nur auf der kleinen Bühne.
Bei beiden Läden hatte ich vor einiger Zeit schon beschlossen, sie häufiger zu besuchen. Hier gibt es ehrliche Konzerte zu überschaubaren Preisen zu sehen. Man ist den Musikern so nah, dass man aufpassen muss, dass die vordere Zahnreihe keinen unbeabsichtigten Kontakt mit einem Gitarrenhals macht. Eine gute Abwechslung zu all den großen Produktionen, die in diesem Blog oftmals besprochen werden.
Mit Gewalt hat das SRT-Team schon seit Jahren Berührungspunkte. Vor vielen Jahren teilte sich Mietminderung mit Ihnen einen Probenraum, 2018 sorgten sie als Support von Jack White für eine meiner Lieblingsüberschriften auf SRT, Tom besuchte diverse Konzerte von ihnen, zuletzt sogar in Athen. Natürlich sendete da die OWL-Fraktion eine Delegation ins Forum nach Bielefeld.
Ein Rückblick auf das Konzertjahr. Es war natürlich einiges los in den vergangenen 12 Monaten.
Nicht nur auf der Straße. Auch auf den Bühnen dieser Stadt.
Ich beschränke mich auf die 11 wichtigsten Konzerte des Jahres 2025.
Erwähnenswert wären natürlich auch tolle Gigs wie Wolf Alice, Wet Leg, Memorials, Grandbrothers, Amyl and The Sniffers, Smashing Pumpkins, Die Heiterkeit, The Necks, Kruder & Dorfmeister, Zaho de Zagazan, Osees u.v.a. gewesen.
Was mache ich hier? Seit über zwei Stunden stehe ich in der Berliner Uber Arena. Nebenan in der Uber Eats Arena spielen heute Abend Kraftwerk. Normalerweise gehöre ich da hin. Heute und morgen übernimmt Tom den Job, die SRT-Crew bei den Berliner Kraftwerk-Konzerten zu vertreten. Oliver und ich hingegen stehen rund 150m Meter weiter im Innenraum der großen Uber Arena, 10 Meter von der kreisrunden Bühne in der Hallenmitte entfernt. Es ist eng, warm, die Luft stickig und seit einer Viertelstunde versucht der Mann am Lichtpult die Stimmung hochzuhalten, indem er wie einst Phil Collins verschiedene Sektionen des Publikums anstrahlt und zum Jubeln bringt. Das Publikum im Innenraum ist jung, international und zu einem hohen Anteil weiblich. Hinter uns stehen sechs Spanierinnen, vor uns fünf Französinnen, alle nur wenig älter als unsere Töchter. In einer der VIP-Logen verfolgt auch Olli Schulz das Konzert. Immerhin sind wir nicht allein. Wir alle warten. Warten auf Radiohead, eine Band, die normalerweise unserer Altersklasse zugeordnet wird. In ein paar Minuten wird sie die Bühne betreten.
Der Satz von Patrick Wagner, dem Kopf, Sänger und Gitarristen der Berliner „Wutwave“ Band Gewalt war kaum zu Ende gesprochen, als er fast zeitgleich mit dem Fuß das Pedal drückte und ohne Vorwarnung schleuderte der brachiale und ohrenberstende Beat von „Guter Junge, Böser Junge“ (mit fast 6 min Intro) dem Publikum entgegen.
Gleichzeitig begann die blaue Rundumleuchte, die im Hintergrund platziert war, die Finsternis der Berghain Kantine stroboskopartig zu zerhacken.
Ich stand mit offenem Mund da und dachte: „What the f…ck“ ist das?
Begeistert und mit 2 Singles unterm Arm, verließ ich weit nach Mitternacht und tief beeindruckt das Gebäude.
Das war im Jahr 2018. Seitdem sind die Jahre vergangen und viele Gewalt Konzerte sollten folgen.
Digital Detox ist so wichtig. Daher kaufe ich mir jedes Jahr ein Ticket für ein Bob Dylan Konzert, denn da muss man sein elektrisches Suchtgerät einmal für drei Stunden wegschließen. In vier E-Mails erinnert mich Ticketmaster in den Tagen zuvor, dass mich ein „phone-free“-Konzert erwartet. Organisatorisch führte dies übrigens zu keinerlei Problemen. So gibt es kein Foto vom Konzert, nur ein KI-Bild nach Beschreibung des Autors.
Dieses Jahr zog es mich nach Lingen in die vergleichsweise junge EmslandArena. Als Alternative hätte es noch die Barclay-Arena in Hamburg oder die Lanxess-Arena in Köln gegeben. Für mich gehört Bob aber nicht in 15.000er oder gar 20.000er Hallen.
Mit Ihren knapp 5.000 Plätzen bietet sie die richtige Größe für einen Auftritt vom Meister, der sich inzwischen immer mehr im Halbdunkel der Bühne bei schummriger Beleuchtung versteckt. Hier gibt es keine LED-Wände oder B-Stages.
Einer der Reize der angesagten Midlifecrisis-Sportart Rennradfahren ist der Umstand, dass man beim Pedalieren ganz nebenbei schöne Orte besucht, an die man sonst nie gekommen wäre. So verschlug mich eine lang geplante Ausfahrt am vergangenen Wochenende nach München und die Gelegenheit zum Besuch des legendären Puch Open Air bei Jetzendorf tat sich auf. Puch – schon mal gehört – die frühen The Notwist, Tocotronic und so. Robert Forster, Neu! und Element of Crime waren auch schon da.
Nach der 3D- und der Fassadenprojektions-Tour der letzten beiden Jahre kehren Kraftwerk nun mit der Multimedia-Tour zurück. Diesmal gibt es etwas überarbeitete Grafiken auf einer superscharfen LED-Wand, sonst nicht viel Neues. Daher hatten wir uns Kraftwerk 2025 eigentlich auch sparen wollen, als ein Auftritt bei den Jazz Open in Stuttgart im Rahmen einer European Summer-Festival-Tour angekündigt wurde. Stuttgart war einfach zu weit weg. Kurze Zeit später kam das Konzert im königlichen Park nahe Amsterdam hinzu. Das ist gut und ohne Übernachtung von uns auch zu erreichen. Die Karten waren schnell gebucht. Konnte ja niemand ahnen, dass einige Zeit später noch eine Winter-Indoor-Tour hinzukommt, bei der es neben Terminen an den üblichen Orten wie Berlin, München und Düsseldorf auch Auftritte an Orten wie Bielefeld oder Lingen gibt. Egal, SRT-OWL wird zusätzlich in Bielefeld dabei sein, die Berliner Sektion in Berlin.
Also rauf auf die A30 und ab in den königlichen Park, in dem jeden Sommer eine Konzertreihe stattfindet.
Den Southern Man hatten wir nicht auf unserer Setlist-Bingokarte. Neil Young weiß immer wieder mit Schätzen aus seinem großen Repertoire zu überraschen. Seit 1993 wurde dieser Song von ihm in Europa nicht mehr gespielt. Es gibt zwar eine grobe Setlist wie auf jeder Tour, doch Variationen von Tag zu Tag sind üblich. Der Ambulance Blues war erst tags zuvor zum Opener der Tour geworden und löste Sugar Mountain ab. Auf der Waldbühne klemmte die Sirene leider etwas: Tonprobleme verhunzten den ersten Song schwer. Dafür blies Hey Hey, My My (Into the Black) als zweiter Song alle Zweifel an der Qualität des kommenden Konzertes hinfort. Einen Tag später wanderte der Song ans Ende der Setlist. Die Setlist ist eh eine Sammlung von Zugaben. Alles (Live-)Hits. Neil Young hat mit seiner aktuellen Band The Chrome Hearts zwar gerade ein neues Album aufgenommen und veröffentlicht, aber er spielt keinen Song davon. Es gibt Wichtigeres.
Be The Rain
Spätestens nach der anschließenden elektrischen Version von Be the Rain wusste man: Der Kauf der Karten hat sich gelohnt.
Nach der doppelten Messe in Berlin im Vorjahr treffen wir Nick Cave in diesem Jahr in ganz anderem Rahmen wieder: Nur mit Flügel und am Bass begleitet von Collin Greenwood in der Elbphilharmonie. Ein Konzert ganz im Gegensatz zu dem Großaufgebot, mit dem Nick im letzten Jahr die Arenen im Sturm erobert hat. Erwartungsgemäß waren die 2.100 Karten in wenigen Minuten vergriffen. Wir konnten uns ein paar Exemplare sichern, bevor ein Zusatztermin am Folgetag nachgeschoben wurde. Auch der war in wenigen Minuten ausverkauft. Am Veranstaltungstag wimmelte es vor der Halle dann auch nur so vor „Suche Karten“-Pappschildern.
Nach einem Bummel über die Landungsbrücken bei hochsommerlichen Temperaturen fuhren wir pünktlich zum Einlass die lange Rolltreppe zur Aussichtsplattform der Elbphilharmonie hoch, denn hier befindet sich der Eingang zum großen Saal. Dem Anlass, aber eben nicht dem Wetter angemessen, mit langer Hose und Hemd erreichten wir durchgeschwitzt das Foyer, in dem wir erstmal 40 Minuten auf die Öffnung der Saaltüren warten mussten. Genug Zeit für ein kühlendes Bier an den Gastro-Theken und einen Blick auf das Publikum. Glücklicherweise schienen es alles wirkliche Fans zu sein, kein Society-Publikum, dass kommt, weil es angesagt ist, dabei zu sein, wie man es oft in solchen Konstellationen erleben kann.
Im Saal angekommen, stellt man dann wieder fest: Eigentlich gibt es in diesem Haus keinen schlechten Platz. Von überall aus ist die Sicht sehr gut. Durch den späten Einlass verdunkelte sich das Saallicht erst um 20.15 Uhr. Zuerst huscht Colin Greenwood auf die Bühne, dann erreicht der Applaus einen neuen Peak als Nick Cave das Parkett betritt und sich ans Piano setzt.