Junge Eltern schieben ihren Buggy mit dem Nachwuchs durch das Burgtor. Kurz dahinter watscheln die kaum älteren Geschwisterkinder. Die putzigen Kopfhörer legen sich großformatig um die winzigen Gehörgänge. Die farbenfrohen Plastikmuscheln der Ohrenschützer glitzern in der Sonne. Studenten, Schüler, Einheimische, Zugereiste, Oma und Opa, Jung und Alt sowie der Bürgermeister von Friedland finden sich, wie in jedem Jahr, auf der Burg zum Musikfestival „Jenseits von Millionen“ ein. Ein Familientreffen. Häufig mischen sich die Bands, die den musikalischen Rahmen bilden, vor und nach ihren Auftritten unter die Besucher und verbringen dort auch oft das gesamte Wochenende ,um  Konzerte anderer Künstler zu sehen und entspannte Tage zu genießen. Ein großes und friedliches Fest.

Zum diesjährigen 10.  Jubiläum des JvM Festival  hatten die Macher ein großartiges Line-Up aufgeboten, über das man, ich wage eine Prognose, noch in Jahren sprechen wird. Das, was man derzeit in deutschen Breiten an jungen, spannenden und relevanten Bands jenseits großer Mehrzweckhallen zu hören bekommt, versammelte sich-zu großen Teilen- in der Niederlausitz.

Karies, Odd Couple, Isolation Berlin, Oum Shatt, Heim, LeVent, Hanna Leess, Illgen-Nur, Voodoo Beach, – um nur einige zu nennen.  Ergänzt wurden die „Jungen Wilden“ durch die Hamburger Band Die Sterne, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bandjubiläum feiert.

Tag 1

Die Sonne stand hoch und der staubige Boden der Burg erwachte unter den Füßen des langsam eintrudelnden Publikums. Alles war bestens vorbereitet und pünktlich um 16:30 Uhr begann das Wochenende mit der jungen Ilgen-Nur und ihrer Band, der neuen „Slacker-Queen“ am deutschen Pop Himmel. Ich fand ihren Auftritt hier besser als vor Wochen in der Berghain Kantine, wo ich sie als Support der Trümmer erlebte. Die Band wirkte eingespielter und deutlich harmonischer. An dem Radiohead-Monument „Creep“ haben sich bereits viele Künstler versucht und sind gescheitert. Die Intensität des Nur´schen Vortrages stand im wohltuenden Gegensatz dazu.

Karies, für mich der heimliche Headliner des ersten Tages, die bereits im März, im ausverkauften Berliner „Westgermany“ ein umjubeltes Konzert gaben, haben im vergangenen Jahr mit ihrer zweiten Langspielplatte „Es geht sich aus“ ein großartiges zweites Album veröffentlicht. Sie beschallten die alten Burggemäuer mit der ganz eigenen Kraft ihres (Neo) Post-Punks. Durch die markant schroffen und eingängigen Melodielinien, sowie ihren griffigen und einprägsamen Textbausteinen, schaffen sie eine störrische Wucht, die ihre Songs einfach unverwechselbar machen. Mit einem extrem hungrigen Bass von Max Nosek (z.B. Ego, Traum von D., Keine Zeit für Zärtlichkeit), dem nach vorn peitschenden Schlagzeug von Kevin “Moonie“ Kuhn und mit den zwei bissig flirrenden Gitarren von Benjamin Schröter und Jan Rumpela entfesseln die Vier einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Die 50 Minuten mit insgesamt 10 Songs vergingen viel zu schnell. Ein fulminantes Set, auch wenn die lange Anreise, wie Kevin Kuhn am Ende des Gigs berichtete, beschwerlich und erschöpfend war. Das die Standtom während des Konzertes auch noch zu Bruch ging und nur zäh aufgerichtet wurde, rundete den Tag für Karies ab. Später erzählte mir Benjamin Schröter, dass vielleicht schon 2018 ein neues Album in den Läden stehen wird. Ein erfreulicher Ausblick.

Odd Couple, ein Duo aus Berlin um Jascha Kreft und Tammo Dehn, die im Dezember 2016 beim feinen Poj-Poj Festival im „Urban Spree“ ihr neues, kraftvolles Zweitwerk „Flügge“ präsentiert haben, feuerten der einbrechenden Dunkelheit mit ihrem Garage Rock und schmutzigen Riffs ein Feuerwerk der Extraklasse entgegen. Was für ein Rock-Brett. Das auch ihr Cover des Klaus Johann Grobe Songs „Koordinaten“ im Set war, rundete das allseits überragende Konzert ab.

Die Sterne spielten nach einem etwas holprigen Beginn ein beeindruckenden Headliner Set. Für mich war es das erste Sterne Konzert und mich hat die Band um Frank Spilker restlos überzeugt. Songs wie „Nach Fest kommt Lose“, „Aber anderseits“, „Deine Pläne“  und „Stell die Verbindung her“ waren für mich die Höhepunkte des umjubelten Auftritts.

Um 1 Uhr früh ging der erste Tag für mich zu Ende. Das Burgtor schloss sich, während sich die Türen der Aftershowparty im nahegelegenen Flachbau öffneten.

Tag 2

Nach einem ausgedehnten Katerfrühstück am gleichnamigen Stand auf dem Zeltplatz, startete der Tag behutsam. Das schöne Wetter lud zum Sonnenbaden ein und die nahegelegenen Seen sorgten für das kühle Nass.

Um 14:30 Uhr eröffnete das „Kind der Rigaer Straße“ (O-Ton Frank Fichna) den zweiten Tag. Wie immer an den beiden Tagen, führte er versiert und humorvoll durch das Programm. Auch in diesem Jahr, pendelten die Konzerte im Wechsel zwischen Hauptbühne und der nahegelegen Kirche.

Ich konnte interessante Auftritte von YOGA (mit eigenem Fan Club angereist), Voodoo Beach (Psych-Rock und eine betörende Stimme der Sängerin, die an Holly Golightly erinnert), Highest Sea (schöne Songs in der Kirche) und LeVent (Psych Noise Rock mit starkem Bassspiel) sehen.

Am zweiten Festivaltag haben mich aber vor allem Hanna Leess und Heim sehr beeindruckt.

Die Amerikanerin Hanna Leess, die seit geraumer Zeit in Berlin lebt, hat mit  „Dirty Mouth Sweet Heart“ ein wunderbares Album im vergangenen Jahr aufgenommen. Das rauchig, brüchige Timbre in ihrer Stimme verleiht den überwiegend folkig, bluesigen Songs eine wunderbare und charismatische Note. Sie wandelt so sicher zwischen Pop, Folk, Funk, Soul, Punk, dass es schwer fällt, sie einem Genre zuzuordnen.

Leichter Nieselregen setzte ein und vereinzelte Wolken schoben sich vor die  Sonne als Hanna Leess und ihre Band das Konzert mit „Rainbows“ vom aktuellen Album eröffneten. „The Rain Makes The Rainbow/ Down Your Hair“ sang sie fast beschwörend. Ein großartiger Moment. Der Song wurde, entgegen der Albumversion, „schleppender“ und mit kompletter Rhythmusfraktion und E-Gitarre gespielt, was sehr berührend klang.

Ihre Stimme, die Songs und die sehr gute Band sowie die Up-Tempo Nummern (z. B. „Punk Love“) haben dieses Konzert zu einem der Höhepunkte des zweiten Tages werden lassen.

Zu Beginn des Sets der Band Heim, welches sich Hanna Lees anschloss, verzogen sich die Wolken. Ein Auftritt, der mir von Beginn an den Atem verschlug. Zornig, bist fast zur Ohnmacht, wurden die Gefühle und Gedanken herausgeschrien. Es kann keinen Morgen geben. Keine Kompromisse. Bei aller Wut und Schroffheit, sind die Songs einer melodischen Struktur verhaftet und der Gesang ist deutlich hörbar. Die irre Fuzz-Gitarre, das peitschende Schlagzeug und der treibende Bass formen sich zu einem Gebilde, die diesen späten Friedländer Nachmittag unvergessen machen werden. Ohne Kaffee und Kuchen.

Spät am Abend spielten Isolation Berlin einen aufwühlenden Gig. Ich habe Isolation Berlin zum ersten Mal beim Torstraßenfestival im Sommer 2015 im kleinen Rahmen gesehen, bevor sie ihr Debütalbum im darauffolgenden Jahr veröffentlichten. Ich war beeindruckt und bin nun sehr gespannt aber auch unsicher, welchen Weg diese Band einschlagen wird. Der Auftritt flog an mir vorbei und ich kann nicht genau sagen, woran das lag. Zuviel „Spaßgesellschaft“? Zuviel „Annabelle“?  Womöglich hat die Band die Antwort schon vor langer Zeit in ihrem Song „Produkt“ vorweggenommen: „Ich bin ein Produkt / Ich will, dass man mich schluckt / Dass man mich konsumiert / Sich in mir verliert“.

Muss Liebe wehtun, um sich ihre Schönheit zu bewahren ?

Die Jenseits von Millionen Tombola beglückte danach zahlreiche Gewinner mit Büchern, CD´s u.v.m. Das gesamte JvM Team kam anschließend auf die Bühne und wurde vom Publikum für all die sicht- und spürbaren Mühen, Entbehrungen und Anstrengungen der letzten Tage mit großem Applaus bedacht.

Oum Shatt aus Berlin beendeten das Festival weit nach Mitternacht. Ihr Sound aus orientalischen  Rhythmen mit psychedelischen-stakkatohaften Riffs und Surfersound sind verlässliche Garanten für ein tolles Konzert.  Keine ruhige Minute, kein Innehalten, immer in Bewegung, Tanzen, Tanzen, Tanzen.

Ein würdiger Abschluss des Jubiläums auf der Burg Friedland.

Die dunkle und kühle Nacht empfing all die Aufgeweckten zur Aftershowparty, die auch nach zwei Tagen noch genügend Energie hatten um dem „British.Music.Club“ seine Ehre zu erweisen.

Allen fleißigen „Jenseiter Händen“, die auch in diesem Jahr für ein tolles Wochenende gesorgt haben, sei gesagt: HERZLICHEN DANK!

Bis zum nächsten Jahr!

*“Seid umschlungen Millionen“- Textzeile aus dem Song „Kariman“ auf dem Album „Seid umschlungen Millionen“ der Band Karies

Fotos:

Odd Couple

Oum Shatt

Heim

Voodoo Beach

LeVent

Karies

Fun Fare mit Frank Fichna

YOGA

Botschaft

Die Sterne

Highest Sea