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„What happens in Berghain, stays in Berghain”

Sigge-Rocktours macht da mal eine Ausnahme.

Karl Bartos, Ex-Kraftwerk Mitglied und der klassischen Bandbesetzung der 70iger Jahre zugehörig, hatte ich vor über 10 Jahren als Solo Künstler im wunderschönen RBB-Sendesaal sehen und hören können und als das Konzert im Berghain zur Präsentation seine neuen Albums „Off The Record“ bekannt gegeben wurde, war es für mich ein guter Anlass, Karl erneut live sehen zu können, nachdem ich seine[n] ehemaligen Arbeitskollegen in diesem Jahr bereits in Berlin und Amsterdam bei der Arbeit bewundern durfte.

Die Konzerte im Berghain sind immer etwas Besonderes. Monumentale Industriearchitektur im sozialistischen Neoklassizismus, der Mythos und der Sound in dem 18 Meter hohen „Clubraum“ verschmelzen zu einem Gebilde, dass einen unweigerlich in seinen Bann ziehen muss.
Über der Bühne hingen an diesem Abend drei große Videoleinwände, welche durch die meterhohen Klangtürme eingerahmt wurden. Das ehemalige Heizkraftwerk füllte sich rasch und nachdem das Publikum mit Geräuschen auf das Kommende eingestimmt wurde, wummerte es kurz nach Neun aus den Boxen „Eins, Zwei, Drei“, „Uno, Dos,Tres“.

Karl Bartos präsentierte dem Berliner Publikum eine 24 Lieder umspannende Musikveranstaltung, wo „Klang und Illustration“ zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzen. Es waren neben den Musikstücken auch die wunderbaren Filme, die diesen Abend an diesem Ort so einzigartig machten.

Ich ertappe mich dann immer wieder dabei, wie vorallem diese alten Filme in mir ein diffuses Gefühl von „Vertrautheit“, „Früher war alles besser“, „Die gute alte Zeit“ auslösen, natürlich in dem Wissen, dass dem nicht so war. Ich frage mich dann oft, wie wohl die Generation in 50 Jahren auf unsere Zeit zurückblicken wird, wenn „angegilbte“ Filmchen aus dem digitalen Archiv auf den Leinwänden zu sehen sein werden? Ich habe darauf keine Antwort.

So waren unter anderem großartige Farbfilme aus den Sechziger Jahren aus dem prosperierenden Düsseldorf (bei Life) zu sehen, Filmszenen aus dem Londoner Filmklassiker „Blow up“ von 1966 (bei Camera), z.B. Konzertbesucher auch aus den goldenen Sechziger-und Siebziger Jahren in den USA/Europa (bei 15 Minutes of Fame ), alte Filmaufnahmen von Hamburg bei Nacht (bei Neonlicht) oder auch beeindruckende [andere] Radsportszenen der 70iger (bei Tour de France) und zum Teil – mehr oder weniger- gelungene visuelle Eigeninterpretationen weiterer Kraftwerkklassiker.

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Das der Konzertbesucher bei einem Karl Bartos Konzert andere Filme (bei den Kraftwerksongs) als bei seinen Ex-Kollegen zu sehen bekommt, hat sicher rechtliche Gründe. Ich empfinde das als abwechslungsreich, wohltuend und belebend. Schmunzeln musste ich, als bei Model lediglich Karl Bartos und Wolfgang Flür aus Ihrer Signaturzeit (70iger) in die Filme eingeschnitten wurden.

Musica Ex Machina

Aus dem Kraftwerkkatalog gefielen mir besonders Model, Tour de France, Heimcomputer (tolle Videografiken), Computerwelt und vorallem Taschenrechner.
Die „metallische Schärfe“ die Trans Europa Express bei Kraftwerk hat, fehlt mir bei der Bartos´schen Darbietung.
Weniger gelungen fand ich auch die minimalistische visuelle Umsetzung bei Robots und Computerlove. Die Interpretationen konnten mich auch musikalisch nicht restlos überzeugen, auch weil sie in Englisch gesungen wurden.

Bartos schafft es jedoch, sein kompositorisches Kraftwerk Erbe in das Hier und Jetzt zu transportieren und dem Großteil der Lieder seinen eigenen Stempel aufzudrücken ohne den Wiedererkennungswert der Originalversionen zu überdecken. In Bild und Ton.

Besonders herausheben möchte ich aber die Lieder seines Solo Albums „Communication“ (2003), welche er an diesem Abend gespielt hat.
Alle sieben Kompositionen waren für mich die audiovisuellen Höhepunkte. Sie haben nach all den Jahren Ihre Eindringlichkeit nicht verloren und das Album gehört für mich zum Besten, was er nach Kraftwerk aufgenommen hat.

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Beim großartigen Ultraviolet vom erwähnten Album, wurden zum Ende des Konzertes alle Filme im Zeitraffer gezeigt und man konnte den Abend nochmals Revue passieren lassen. Toll!

Von der neuen Langspielplatte „Off The Record“ haben mir Trace of Emotion aber vorallem Musica Ex Machina sehr gut gefallen das noch mit einem sehenswerten Film ergänzt wurde.

Das Musikstück TV beendete seinen umjubelten Auftritt. Mit der Hand am Herz ehrte er während des Liedes mit einer sehr persönlichen Abschiedsgeste den kürzlich verstorbenen Hamburger Helmut Schmidt, als dieser auf den Videoleinwänden zu Zeiten seiner Kanzlerschaft zu sehen war.

Ein freundlicher und rundum sympathisch wirkender Karl Bartos verabschiedete sich zusammen mit seinen zwei Mitstreitern- Robert Baumanns und Sascha Wild- vom Berliner Publikum, dass in die kalte Novembernacht entschwand.

Hier die Setlist:

• Numbers
• Computerwelt
• The Camera
• Das Model
• I’m the Message
• Heimcomputer
• It’s More Fun To Compute
• Reality
• Trans-Europe Express
• Die Roboter
• Atomium
• Nachtfahrt
• Musica Ex Machina
• Without a Trace of Emotion
• Rhythmus
• Life
• Computer Love
• Pocket Calculator
• Tour de France
• Interview
• 15 Minutes of Fame
• Ultraviolet
–  Neon Lights
• TV