
Was mache ich hier? Seit über zwei Stunden stehe ich in der Berliner Uber Arena. Nebenan in der Uber Eats Arena spielen heute Abend Kraftwerk. Normalerweise gehöre ich da hin. Heute und morgen übernimmt Tom den Job, die SRT-Crew bei den Berliner Kraftwerk-Konzerten zu vertreten. Oliver und ich hingegen stehen rund 150m Meter weiter im Innenraum der großen Uber Arena, 10 Meter von der kreisrunden Bühne in der Hallenmitte entfernt. Es ist eng, warm, die Luft stickig und seit einer Viertelstunde versucht der Mann am Lichtpult die Stimmung hochzuhalten, indem er wie einst Phil Collins verschiedene Sektionen des Publikums anstrahlt und zum Jubeln bringt. Das Publikum im Innenraum ist jung, international und zu einem hohen Anteil weiblich. Hinter uns stehen sechs Spanierinnen, vor uns fünf Französinnen, alle nur wenig älter als unsere Töchter. In einer der VIP-Logen verfolgt auch Olli Schulz das Konzert. Immerhin sind wir nicht allein. Wir alle warten. Warten auf Radiohead, eine Band, die normalerweise unserer Altersklasse zugeordnet wird. In ein paar Minuten wird sie die Bühne betreten.

Radiohead habe ich nie richtig verstanden, geschweige denn, dass ich mit ihnen so richtig warm geworden bin. Eigentlich passten sie in unseren Musik-Kosmos: Irgendwo zwischen Pink Floyd und Kraftwerk, nördlich der Flaming Lips, südlich von David Bowie und Jeff Buckley. Ich kaufte mir damals das gerade neu erschienen Album Amnesiac. „Selber schuld“, wurde ich von Radiohead-Anhängern zurechtgewiesen, denn das sei ja „kein geeignetes Einsteigeralbum.“ Ich hätte „lieber mit OK, Computer anfangen“ sollen. Möglicherweise das erste Mal, dass ich dachte: “Ich verstehe die Musik nicht mehr, die die jungen Leute hören.“
Jammer-Yorke
Irgendwie war es da schon zu spät. „Jammer-Yorke” hatte sich mir als Label eingebrannt. Weder der Paranoid Android noch die Karma Police konnten da etwas retten. Jahre später versuchte ich es dann nochmal mit In Rainbows, aber auch da zündete nix.

Im Spätsommer dann Nachricht: Radiohead tauchen unerwartet nach jahrelanger Pause wieder aus der Versenkung auf. Vier Shows in Folge in ausgewählten Städten. Berlin zählt dazu. Die Berliner SRT-Fraktion hatte schon diverse Radiohead Konzerte gesehen und sagte sofort zu. Nun ja, warum nicht. Allerdings war der Ansturm auf die Tickets gewaltig. Wie bei OASIS schlug das Nostalgie-FOMO zu. Die ehemalige Alternative-Band, die ihren Hit Creep damals verteufelte, weil er zu erfolgreich war, wird zum Kassenschlager. Die Tickets waren – trotz vorherigem Registrierungszwang – sofort vergriffen. Wir gingen erstmal leer aus.

Später schaffte es Oliver dann noch, jeweils zwei Tickets für zwei unterschiedliche Shows zu ergattern, die produktionsbedingt noch auf den Markt geworfen wurden. Inzwischen hatte ich auch Aufnahmen der ersten Shows gesehen und Lust auf das Konzert bekommen. Sean Evans, der auch schon seit Jahren für Roger Waters als Kreativdirektor und Videodesigner tätig ist, hat eine kreisrunde Bühne in der Hallenmitte entworfen, die in Kombination mit halbtransparenten, verfahrbaren Videowänden ein „in the round“ – Konzerterlebnis verspricht, wie er es schon mit Roger Waters auf der This is not a Drill Tour praktiziert hat. Optisch dürfte das ein Leckerbissen werden.

Kurz hieß es dann nochmal bangen: Tom Yorke musste die ersten beiden Konzerte in Kopenhagen, der Station vor Berlin, krankheitsbedingt absagen, doch er erholte sich glücklicherweise schnell.

Nun geht es endlich los. Die Band hat sich unbemerkt vom Großteil des von den Lichtspielereien abgelenkten Publikums in den Unterbau der Bühne gemogelt und klettert nun nach oben. Wie Zootiere im Käfig spielen sie hinter den anfangs noch heruntergelassenen LED-Wänden das erste Stück: 2+2=5. Das zweite Stück Airbag kommt erst im zweiten Anlauf in Gang. Jonny hatte seine Gitarre noch im falschen Tuning.

Wir stehen auf der Südseite der Bühne. Genau mittig, rund 10 Meter vom Bühnengraben entfernt. Das Mischpult im Rücken sorgt für guten Sound, mehr nicht, eine Britannia Row Produktion ist es eben nicht. Wir sind auf der Seite von Colin Greenwood, den wir in diesem Jahr schon zusammen mit Nick Cave in der Elbphilharmonie sehen konnten.

Paranoid Android
Links steht sein Bruder Jonny eingemauert von Keyboards, Gitarrenverstärkern und Percussion. Tom Yorke beginnt das Konzert auf der gegenüberliegenden Seite, wo er alle elektrischen Gitarrenparts spielt. Die akustischen Stücke performt er uns zugewandt. So bekommen wir Yorke rund 30-40% der Zeit auf unserer Seite zu sehen. Es sei denn wir legen unsere Köpfe in den Nacken und schauen auf die Screens, die immer wieder Bilder aller Bandmitglieder zeigen. Bei grafischen Animationen wird sogar die LED-Bande der Arena mit einbezogen. Wir stehen so weit vorne, dass wir meist direkt auf die Bühne sehen. Das Licht ist gut, bleibt aber unter seinen Möglichkeiten. Über der Bühne hängen in der Höhe verfahrbare Scheinwerfer-Pods. Sie bewegen sich leider nur zwischen den Songs. An den vier Seiten sind außerhalb des Bühnen-UFOs ebenfalls höhenverfahrbare Moving-Heads installiert, die bei einigen Songs für nettes Seitenlicht sorgen. Damit hätte man durchaus häufiger arbeiten können.

How to Disappear Completely
Radiohead variieren bei den Konzerten die Setlist erfreulich häufig. Es gibt zwei grobe Basis-Sets, die alternieren. So bekamen wir das 2nd Night Set, das mit 2+2=5, Airbag undJigsaw Falling Into Place startet. Am dritten Abend ging es für Henning und Tom mit Planet Telex, 2+2=5 und Sit Down. Stand Up los.
Bei uns gab es das seltene How to Disappear Completely und zum Abschluss There There. Am Folgeabend spielte man Fake Plastik Trees und der Abend endete mit No Surprises. Welch Überraschung.

Die zahlreichen Setlist Varianten sorgten auch bei Tom Yorke für Verwirrung mehr als einmal stand er falsch auf unserer Seite. Einmal merkte er erst beim Einsetzen der Drums, dass etwas nicht stimmt. Ein schneller Blick auf die Setlist macht klar: Falsche Gitarre, falsche Seite.

Aber auch Jonny leistet sich weitere Fehler: Bei Sit down. Stand up. Bekommt er den alten Drum-Computer nicht taktgenau in Gang. Erst versucht Yorke seinen Gesang anzugleichen, stoppt dann und nimmt die Hände von den Tasten. Nun fällt auch der Rest der Band auseinander. Jonny rettet es aber, tritt die Kick-Drum wie ein Besessener und bringt die Band wieder auf Spur. Ich liebe diese Momente. “This Machinery is unrelyable”, schimpft Yorke hinterher.

Die Band zeigt an diesen Abenden die unglaubliche Bandbreite ihres Werks. Yorke jammert am Piano, Yorke tanzt ekstatisch wie Rumpelstilzchen über die Bühne, Yorke singt verträumt an der Gitarre. Es ist eine gute Show. Egal, dass ich kaum einen der Songs kenne. Langsam begreife ich, was vor 25 Jahren all die anderen an Radiohead so faszinierte.

Setlist 9.12.2025
2 + 2 = 5
Airbag
Jigsaw Falling Into Place
All I Need
Ful Stop
Nude
Reckoner
The Bends
Separator
Pyramid Song
You and Whose Army?
Sit Down. Stand Up.
Myxomatosis
No Surprises
Optimistic
Bodysnatchers
Exit Music (for a Film)
Street Spirit (Fade Out)
Encore:
Let Down
Weird Fishes/Arpeggi
Idioteque
Present Tense
How to Disappear Completely
Paranoid Android
There There
Henning & Tom
Ich war dann am Donnerstag mit Thomas vor Ort und fand es ingesamt fabelhaft: Die Band spielte mit sichtbarer Freude schwerpunktmässig durch Ihre unfassbare Hochphase von The Bends bis In Rainbows. Die Bühne sah durchweg phantastisch aus, mal irritiert-kaputtes UFO, mal paranoider Kopffüßler, mal leuchtende Qualle in der Uber-Tiefsee. Toll auch die beweglichen Spots die spontan neben der Bühne abgesenkt wurden. Das Publikum war sympatisch, konnte singen und an den richtigen Stellen schweigen. Der Ton war nicht immer Top, aber Okay. Höhepunkt: unerwartete und selig machende Exit Music…
Setlist 11.12.2025
Planet Telex
2 + 2 = 5
Sit Down. Stand Up.
Lucky
15 Step
The Gloaming
Kid A
Videotape
Nude
Weird Fishes/Arpeggi
Idioteque
Everything in Its Right Place
Bloom
Ful Stop
Daydreaming
Exit Music (for a Film)
Let Down
Bodysnatchers
Encore:
Fake Plastic Trees
Jigsaw Falling Into Place
The National Anthem
Paranoid Android
You and Whose Army?
Just
No Surprises









Danke für den interessanten Bericht