Eins vorweg: Ich liebe PopMart und Zoo-TV, ich fand die letzten Alben von U2 streckenweise unerträglich, das letzte sogar gänzlich und habe mir auch mit der iNNOCENCE + eXPERIENCE – Tour zum ersten Mal seit 1997 eine U2-Tour gespart, unter anderem auch wegen der horrenden Preise.

Mit der angekündigten Joshua Tree Tour keimte etwas Hoffnung auf: Da wird einem alten Album gehuldigt. Diesen Ansatz mögen wir, und haben ihn von Roger Waters, Lou Reed, Peter Gabriel, Kraftwerk auch schon wunderbar vorgeführt bekommen. Im Herbst macht sich selbst Heather Nova daran, altes Material wieder aufzuführen. Bisher wurden wir nie enttäuscht. Zurück in die kreativen Zeiten, keine Angst vor neuem, mittelprächtigem Material. Klingt nach einer sicheren Nummer, da sind wir mal wieder dabei, auch wenn es nicht die Zoo-TV Tour ist, die hier wiederbelebt wird. Wir hoffen ein klein wenig auf 2022.

Für die Joshua Tree-Tour konnte das SRT – Team ein paar günstige (und trockene) Tribühnenplätze für 45 Euro im wunderbaren Berliner Olympiastadion ergattern. Mit dabei diesmal auch Matthias, der bereits die Originaltour vor 30 Jahren sah. Einen weiteren mutigen Mitstreiter schickten wir in den Innenraum, der sich eine größere Nähe und besseren Sound durch stundenlanges Stehen im Regen erkaufte.

Noel Gallagher eröffnete mit seinen High Flying Birds als Vorgruppe den Konzertabend. Leicht genervt vom Regen, der Welt, den Fans oder von seinem Bruder (wer weiß das schon) spielte er unter Faltzelten sein Set herunter, verarbeitet dabei drei Oasis-Songs, und ließ schon mal das Publikum bei Wonderwall (mittelprächtige Version) und Don’t Look Back in Anger warmsingen. Das hatte insbesondere der regengetränkte Innenraum nötig, aber auch auf den Tribünen pfiff ein kühler Wind. 16 Grad und Regen mitten im Juli – willkommen in Deutschland.

Nach einer längeren Umbaupause, bei denen erst diverse Bühnenschirme, die ein wenig an die von Otto Frei entworfenen Schirme der 77er Pink Floyd Tour erinnerten, abgebaut wurden, betraten U2 um kurz nach 21 Uhr die Bühne, genauer gesagt, die B-Stage. Der Einstieg war knackig. Mit Sunday Bloody Sunday, New Year’s Day, Bad und Pride gab es gleich vier Knaller zum Einstieg. Die Band hatte die 70.000 im Stadion sofort im Griff, die Stimmung kochte. Die schlechte Alben und öde letzte Touren sind ebenso wie der Regen nach wenigen Minuten schon fast vergessen. Der alte Charm und die Fähigkeit, Massen zu begeistern sind zurück. Irgendwie ist es wie früher – klasse, genau das, was man von so einer Tour erwartet. Zu diesem Nostalgiefeeling tragen beispielsweise die sparsame Beleuchtung und der Verzicht auf die Nutzung des großen Videoscreens bei den ersten Songs bei. Durch parallele einer über der Bühne hängende Gruppe aus Moving-Heads wird ein Look wie bei einer alten Lichtbatterie aus den 70er bzw. 80er Jahren erzeugt. Sehr schön in Kombination mit ein paar kräftigen Spots.

U2 im einfachen Lichtgewand

Schon in den ersten Songs beginnen die Besonderheiten. Bono stimmt Singing in the Rain an. Im Hintergrund kehren einige Schirme und Abdecken wieder auf die Bühne zurück, denn der Regen hat wieder eingesetzt und wird das Konzert bis zum Abschluss begleiten, was der Stimmung der Band keinen Abbruch tut, auch wenn sie im Laufe des Abends durch große Pfützen auf der Bühne tapsen müssen.

B-Stage

Berlin ist für U2 eine wichtige Stadt. Larry demonstrierte das mit einem T-Shirt, auf dem Berliner stand. Dem Idol Bowie folgend fuhr die Band 1990 nach Berlin um sich nach The Joshua Tree genau wie Bowie damals neu zu erfinden, was beiden ja auch grandios gelang. Um Bowies Inspiration zu huldigen, gab es an diesem Abend während einer wunderschönen Version von Bad ein paar Snippets von Bowies Berlin Hymne Heroes zu hören, streckenweise sogar in der deutschen Version als Verbeugung vor Berlin. So erobert man die Herzen der Zuschauer.

Larry Mullen ist ein Berliner

Nach diesem starken Intro-Set widmete man sich der Hauptaufgabe des Abends, dem Joshua Tree Album gespielt in der Original-Reihenfolge. Eine gute Entscheidung wie puristische Musikfans meinen, die den Respekt vor dem Album schätzen, auch wenn natürlich deutlich wird, dass die großen Hits auf der ersten Seite der LP zu finden sind. Der moderne Spotify-Nutzer hätte das vermutlich emotionslos anders zusammengestellt, diejenigen, die das Album noch als LP, MC oder gar CD kennen gelernt haben, schätzen es.

Mit dem Joshua Tree Album erwachte auch der große Screen zum Leben, der großartige Bilder gestochen scharf darstellte.

Joshua Tree in Berlin

Was soll man sonst zu diesem Teil des Abends sagen. Das Album spricht für sich selber. Die Version von Bullet the Blue Sky war toll, kam für mich aber nicht an die 97er Version heran. Dafür entdeckte ich mit Exit eine fast vergessene Setlist-Perle wieder.

Where Streets have no name

Nach Mothers Of The Disappeared begann dann (recht früh) der (relativ lange) Zugabenteil des Abends.

Der Song Miss Sarajewo bekam durch die Bilder von Flüchtlingen und Flüchtlingskamps eine neue, aktuelle Bedeutung. Diese Neudeutung alten Songmaterials durch neuen visuellen Content hat Roger Waters bereits vor ein paar Jahren hervorragend mit seiner The Wall Tour vorgeführt. Bleiben wir kurz bei Waters, der auf seiner aktuellen Tour wie auch schon bei den Desert Trip Konzerten heftig gegen Trump wettert. Ein „TRUMP IS A PIG“ und „FUCK TRUMP“ wird neben vielen anderen Schmähungen bei jedem Konzert in Großbuchstaben auf die Leinwände geworfen. U2 halten sich hier auffällig zurück und bleiben lieber bei US-glorifizierenden Bildern, obwohl Sie im letzten Jahr bei einem Kurzauftritt in Las Vegas mit Trump Kritik nicht sparten. Schade, dass das nun weggefallen ist.  Ein paar deutlichere Statements, die möglicherweise ein paar US-Fans kosten, hätte ich mir hier gewünscht.

Ob man zu den Bildern von Miss Sarajevo das deutsche Grundgesetz über den Screen laufen lassen muss, ist eine andere Frage.

Bono in Berlin

Dann holperte der Partyteil des Abends mit einer unerträglichen Version von Beautiful Day los.Irgendwie zeigte sich hier ein weiterer Grund für die Langeweile der letzten Jahre: statt einen guten Song zu bieten, versucht man hier einfach den U2 Sound zu feiern. Reicht nicht! Raus damit aus der Setlist und mit etwas coolem von Achtung Baby, Zooropa oder Pop ersetzen!

Beatiful Day

Für mich ging die Party daher erst mit Elevation, Vertigo und Mysterious Ways so richtig los.

Vertigo

Zum Schluss wurde es dann etwas nachdenklich. Ultraviolett wurden den starken Frauen dieser Welt gewidmet, auch wenn das Bild etwas wackelte. Marie Curie, Sophie Scholl und Angela Merkel wurde optisch auf eine Stufe mit Emma Watson und Grace Jones gesetzt. Aung San Suu Kyi verschweigt Bono dabei zum Glück lieber. Nachdem er im ersten Jahr der 360° Tour jeweils den Song Walk On als Plädoyer für die Freilassung der damals inhaftierten und inzwischen selber zur Minderheiten unterdrückenden und Gräultaten des eigenen Millitärs vertuschenden Staatslenkerin mutierten ehemaligen Freiheitskämpferin so ausufernd nutzte, dass viele Fans genervt waren. So war die aktuelle Show vergleichsweise unpolitisch – erfreulicherweise wurde das professionalisierte Gutmenschentum, das nicht nur dem Autor in den letzten Jahren mehr und mehr auf die Nerven ging, diesmal weniger intensiv ausgelebt.

Es folgte eine wirklich schöne Version von One, bei der 70.000 Handyakkus gequält wurden, die das Stadion erleuchteten. Ein würdiges Finale.

Den improvisierten Abschluss des Abends bildete eine knappe Version des Beatles-Songs Rain.

U2-Berlin-2017-Joshua-Tree-Tour-Olympiastadion

Beschämend war an diesem Abend für eine Stadionband mit so langer Erfahrung der Sound auf den Rängen. Von unserer Position im Oberrang direkt gegenüber der Bühne hatten wir zwar eine tolle Sicht, Bonos Stimme kam aber nur als matschiges Krächzen bei uns an. Zum Ende hin grenzte der Sound an Körperverletzung. Das bekommen andere Bands auch in großen Stadien deutlich besser in den Griff – ich verweise da beispielsweise auf den grandiosen Sound beim letzten Kraftwerk-Konzert. Beim Vertigo -Konzert in der Schalke Arena war der Sound auch schon unterirdisch. So hatte man auch im Olympiastadion an der Soundausstattung gespart. Auch wenn eine zierliche Beschallungsanlage optisch hübscher ist, hätte eine weitere Reihe Delay-Tower den Sound auf den Rängen vermutlich verbessert. Auch auf dem Unterrang soll der Sound mies gewesen sein, im Bereich der B-Stage hingegen ganz passabel, obwohl auch da Bonos Stimme nie wirklich top klang, sondern ebenso schepperte und komprimiert klang.

Fazit: Am Sound muss (kräftig) gearbeitet werden, die Setlist ist schon auf einem sehr guten Weg und auch U2 scheinen sich wieder in mein Herz zu spielen. Für 45 Euro ein klasse Abend im Olympiastadion. Auf Rückweg ließen wir die U2 links liegen, stiegen dafür in die S5 und entschwanden in die regnerische Nacht, vorbei an Zoo-Station.

Setlist:

The Joshua Tree:

Zugaben: