Ein Rückblick auf das Konzertjahr. Es war natürlich einiges los in den vergangenen 12 Monaten.
Nicht nur auf der Straße. Auch auf den Bühnen dieser Stadt.
Ich beschränke mich auf die 11 wichtigsten Konzerte des Jahres 2025.
Erwähnenswert wären natürlich auch tolle Gigs wie Wolf Alice, Wet Leg, Memorials, Grandbrothers, Amyl and The Sniffers, Smashing Pumpkins, Die Heiterkeit, The Necks, Kruder & Dorfmeister, Zaho de Zagazan, Osees u.v.a. gewesen.
Lael Neale in der Berghain Kantine
21. Mai.
Vierzehn Tage waren seit dem Sturz in Manacor und der Woche im Son Espases in Palma vergangen. In dieser Zeit war mein Spanisch beinahe „perfekt ausgereift”, und auch der Rückweg über Land – Barcelona, Paris, Berlin – verlief dank meiner Töchter erstaunlich reibungslos.
Ein Wort ist mir besonders in Erinnerung geblieben: vale. Seitdem ist das mein spanisches Lieblingswort. Ich habe unzählige Gespräche aufgeschnappt, und es gab kaum eines, in dem dieses kleine Wort nicht nach fast jedem Satz fiel. Ich liebe das.
Mein Körper war an jenem Mai Abend noch nicht so weit. Die Luft blieb knapp, der fast vollständig gebrochene Rippenbogen schmerzte. Sprechen fiel schwer, Stehen kaum weniger. Und trotzdem wollte ich zurück – zurück in etwas, das sich nach Normalität anfühlt. Kein weiteres Konzert verpassen. Also ging ich in die Berghain Kantine. Radsportler sind offenbar eine eigene Spezies.
Lael Neale hatte ich genau dort schon einmal gesehen, fast auf den Tag genau zwei Jahre zuvor. Jetzt war sie zurück in Berlin, mit ihrem neuen Album Altogether Stranger im Gepäck – ein großartiges Album.

Von den ersten Tönen an war ich wieder gefangen: dieser unnachahmliche Lo-Fi-Charme, Folk, warmes analoges Vintage-Gefühl, das allgegenwärtige Omnichord. Und ihre Stimme – so unverwechselbar, dass sich ihre feinen Melodien wie von selbst festsetzen. Songs wie „Come On“ , „Tell Me How to Be Here“ oder das fantastische “There from Here” als Ultraleichtflugzeugpilotin entfalten eine stille, aber enorme Strahlkraft, der ich mich nicht entziehen konnte.
Als sie das Set mit dem Paris-Sisters-Song „What Am I to Do“ beendete, war klar: Genau so muss dieser Song klingen. Und eigentlich auch klar, dass ihn nur Lael Neale so hätte singen können. Berührend.
Unter großem Jubel kehrte sie für eine Zugabe zurück, und nach knapp einer Stunde war alles schon wieder vorbei.
Auch wenn es – bislang – noch nicht „für das Berghain reicht“, war es erneut ein schöner Abend. Ein kleines Bedauern blieb: Einen ihrer besten Songs, „Electricity“, hatte sie nicht gespielt.
Come back to me, electricity
I’m no machine
But something’s missing in me
Erschöpft und mit brüchiger Stimme verabschiedete ich mich von Henning und trat hinaus in die Nacht.
„Bis morgen“, rief er mir hinterher.
Vale!
Mogwai im Admiralspalast.
Mogwai Konzerte sind immer etwas Besonderes. Natürlich präsentierten sie ihr neues, sehr gutes Album “The Bad Fire” – und doch waren es die beiden Songs am Ende, die diesen Abend wirklich besonders machten.
„We’re No Here“, dass ich zuletzt 2008 live gehört hatte, und zum ersten Mal für mich das monumentale, fast zwanzigminütige „My Father My King“. Danach war alles gesagt. Der Abend war gelaufen.
Fontaines D.C. in der Zitadelle Spandau

In Begleitung und bei wunderbarem Wetter spielten die Iren erneut ein hervorragendes Set. Wir waren begeistert. Mit “Romance” haben sie im Jahr 2024 ein klasse Album veröffentlicht.

Benjamin Clementine im Huxleys
All die Jahre, in denen er in Berlin auftrat, hatte ich es nie geschafft, ihn live auf der Bühne zu sehen. Seit seinem überragenden, mit dem Mercury Prize ausgezeichneten Album „At Least for Now“ aus dem Jahr 2015 begleitet mich Benjamin Clementine, auch wenn seine späteren Veröffentlichungen nicht ganz dieselbe Strahlkraft entfalten konnten. Zudem war zu lesen, dass er sich nach dieser Tour aus dem Musikgeschäft zurückziehen und sich stärker seiner Schauspielkarriere widmen möchte. Es war also die letzte Gelegenheit, ihn noch einmal live zu erleben.
Barfuß und von beeindruckender Statur betrat Benjamin die Bühne. Den musikalischen Rahmen des Abends bildeten eine vierköpfige Begleitband hinter weiß verhüllten Pulten sowie ein weißer Flügel.

Immer wieder wechselte er zum analogen Synthesizer, an dem er sogar häufiger als am Klavier stand, und verfremdete damit bei einigen Songs seine Stimme. Hip-Hop- und Dance-Beats mit beinahe atonalen Einschüben prasselten auf das Publikum ein, dazwischen sorgten vereinzelte Gespräche mit dem Publikum auf Deutsch für zusätzliche Abwechslung – wenn auch nicht immer ganz leicht zugänglich. Letztlich waren es jedoch die großen Hits wie „Nemesis“ und „Adios“ sowie die eindrucksvollen Momente am Flügel, die, auch wenn sie nicht vollständig albumgetreu dargeboten wurden, besonders überzeugten.

Mit dem Überhit „Condolence“ als großem Finale – inklusive deutsch gesungenem Refrain und einem lautstark mitsingenden Huxleys – fand ein denkwürdiger Abend seinen Abschluss.
The Black Keys in der Zitadelle Spandau
Zuletzt hatte ich sie 2012 in der Arena gesehen, und das letzte Album, das mich wirklich überzeugt hatte – “Turn Blue” – stammt aus dem Jahr 2014. Entsprechend gespannt war ich, ob sie mich noch einmal abholen würden. Sie taten es.

Viele ältere Songs fanden ihren Weg ins Set, ebenso Stücke aus dem Frühwerk. Im Zentrum standen jedoch ihre beiden stärksten Alben– “Brothers” und “El Camino”. Am Ende blieb das Gefühl eines rundum gelungenen Abends – unter dem blauen Spandauer Abendhimmel.
Los Bitchos im Kesselhaus
Gespannt war ich auf die vier Frauen aus vier Nationen im Rahmen des Pop-Kultur-Festivals. Ihr Sound lässt sich nur schwer einordnen, trägt aber Einflüsse aus aller Welt in sich. Besonders Serra Petale an der Gitarre verleiht den überwiegend instrumentalen Stücken ihren einzigartigen Charakter.

Sie ist eine beeindruckende Gitarristin, deren türkische Wurzeln in ihrer Musik stets spürbar sind und ihr eine ganz eigene Tiefe geben. Ein Konzert, das hängen bleibt. Immer wieder, immer gern.
Neil Young and The Chrome Hearts in der Waldbühne
Kraftwerk in der Uber Eats Music Hall
Emotion schlägt Fakten. Nach fünfzehn Kraftwerk Konzerten in den vergangenen zwanzig Jahren gäbe es eigentlich keinen zwingenden Grund mehr, diese wegweisende Band erneut live zu sehen. Alles ist gesagt, unser Blog hat das über die Jahre hinweg in zahllosen Berichten ausführlich dokumentiert.
Und doch: Konzerte von Kraftwerk in Berlin sind selten. Und ja, frotzelnde Zungen behaupten, der Sigge-Rocktours-Express fahre mittlerweile nur noch zu Kraftwerk-Konzerten, um Fehler, Abweichungen und Neuerungen zu protokollieren. Das ist nicht ganz richtig – aber auch nicht völlig von der Hand zu weisen.
Ich erlebte zwei Konzerte aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Innenraum und von der Tribüne. Der Sound war großartig, präzise wie eh und je, und bei den Visuals waren Veränderungen und neue Details unübersehbar. Besonders berührend war ein Moment, in dem Ralf Hütter zum Publikum sprach: über seine Freundschaft mit dem kürzlich verstorbenen Ryūichi Sakamoto – und anschließend ein kurzes, schönes Instrumental live folgen ließ.
Spätestens da war klar, warum man immer wieder eine Kraftwerk Konzert besuchen sollte.
Und ja: es gab kleine Fehler. Nicht tragisch. Die Mensch-Maschine.
Stefanie Schrank in der Berghain Kantine und in der Neuen Zukunft.
Mit “Forma” hat die Künstlerin aus Köln 2025 ein wichtiges Album veröffentlicht – eines, das bei mir tagelang in Dauerschleife lief. Im Herbst war sie als Support für verschiedene Bands unterwegs, und natürlich waren Henning und ich live dabei.
Zwei großartige Sets von jeweils knapp 40 Minuten durften wir erleben. Eine beeindruckende Musikerin, die wir ganz sicher nicht zum letzten Mal gesehen haben. Mit ihrem fantastischen „Nein wir fürchten nicht die Nacht“ entließ sie uns schließlich in den Abend – und wir waren früh, aber erfüllt, zu Hause.
Swans im Festsaal Kreuzberg
Laut. Es war sehr laut. Wie nicht anders zu erwarten war. Und doch um Längen besser als ihr Auftritt im vergangenen Jahr in der Betonhalle. Ein monströses Soundgewitter, das trotz aller Wucht Melodie, Struktur, Motorik und unzählige feine Verschiebungen in sich trägt.
Ein fantastisches Septett, von Michael Gira in beinahe schamanischer Manier geführt, durch diese 160 Minuten getragen, getrieben, zusammengehalten. Keine Sekunde zu viel.
Ein ganz großes Swans Konzert.
King Gizzard and The Lizard Wizzard in der Columbiahalle
„Rave Set“ – so stand es in der Ankündigung des Konzerts. Und es wurde diesem Versprechen mehr als gerecht. Ein brillanter Abend, getragen von einem kundigen Publikum, das den perfekten Rahmen bildete.

Die Songs, die man sonst von klassischen Instrumenten kennt, wurden hier in einem analogen Synthesizer-Setup neu interpretiert, ergänzt durch ein live gespieltes Schlagzeug. 150 großartige Minuten voller Energie und Ideen.
Die Band erfindet sich immer wieder neu, als gäbe es kein Ende dieses kreativen Outputs. Dieses Berlin Konzert wird als 3-LP-Set von der Band veröffentlicht – und natürlich habe ich es gekauft.
Radiohead in der Uber Arena
Im Vorverkauf schien alles verloren: Für keinen der vier Abende konnten wir Karten ergattern. Die Hoffnung schwand bereits, als Oliver- assoziierter Partner des Sigge-Rocktours Express – kurz vor Konzertbeginn das Unmögliche möglich machte. Vier Tickets, verteilt auf zwei unterschiedliche Abende. Was für ein Glück.
Der SRT Express begleitet diese Band seit 25 Jahren. Es wäre kaum „zu begründen“ gewesen, ausgerechnet diese Konzerte zu verpassen. Zu tief ist die Verbindung, zu lang der gemeinsame Weg.
Und wir wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Eine großartige Bühne, eine fantastische Setlist mit 25 Songs und ein Publikum, das mitging, hörte und sich insbesondere in den leisen Momenten überwiegend angemessen verhielt. Oft ist es so, dass „Stille“ für manche unerträglich ist.

130 Minuten, die wie im Zeitraffer vergingen. Als dann auch noch einige meiner Lieblingssongs von In Rainbows erklangen, war das Glück vollkommen.
Spät am Abend, erfüllt und zufrieden, trieben wir mit der Menge in Richtung Warschauer Straße – müde, aber mit diesem Gefühl, das nur ein wirklich großer Konzertabend hinterlässt.








