Enttäuscht und grimmig schob ich meine unbenutzte Eintrittskarte über den Verkaufstresen der Konzertkasse. Völlig teilnahmslos und ohne jede wahrnehmbare Regung händigte mir die junge Dame mein Geld aus. Ihr Job war erledigt. Mir wurde bewusst, dass wir in diesem Moment kein gemeinsames Verständnis für „mein Problem“ entwickeln würden.

Wortlos verließ ich den Laden.

Madrugada, eine dieser „Sehnsuchtsbands“, hatten das Konzert in Berlin abgesagt. Sivert Hoyem, der charismatische Sänger und Frontmann der norwegischen Band, hatte beschlossen, die Band vorerst „auf Eis zu legen“. Nach dem Tod ihres Gitarristen Robert Buras im Jahr 2007 fehlte ein, wenn nicht gar der integrale Bestandteil der Band. Songschreiber und begnadeter Gitarrist in einem.  Madrugada arbeiteten zu jener Zeit an ihrem fünften Studioalbum und entschieden sich dann doch, das Album zu vollenden und im Jahr 2008 zu veröffentlichen. Einer der bewegendsten und schmerzhaftesten Songs des Albums stammt aus der Feder von Robert Buras: „Our Time Won’t Live That Long“.

Seitdem sind über 10 Jahre vergangen.

Die Musik der fünf Studioalben, die die Band von 1999 bis 2008 veröffentlicht hat, hat mich nie losgelassen und immer schwang die Hoffnung mit, dass sich die Band neuformiert und auf Tour geht.

Im vergangenen Spätsommer platzte wie aus dem Nichts die Nachricht in die Welt, dass sich die 3 verbliebenen Gründungsmitglieder wieder zusammengetan haben und mit ihrem Debütalbum „Industrial Silence“ zum 20jährigen Bestehen auf Tour gehen werden. Gleichzeitig wurden 2 Konzerte im riesigen Spektrum zu Oslo angekündigt. Nach einem kurzen Abwägen der Möglichkeiten kam ich zu dem Schluss, nicht nach Oslo zu fliegen. Ich war mir sicher, dass weitere Konzerte angekündigt werden.

So kam es auch. Die Tour sollte, welch ein Glück, sogar in Berlin starten. Dazu noch im kleinen Columbia Theater, das den würdigen Rahmen für ein „Club-Konzert“ geben sollte. Ich kaufte erneut ein Ticket. Als ich es in den Händen hielt, war der Groll von damals vergessen. Ich lächelte.

Dieses Strahlen, diese Freude und die Begeisterung über das, was sich direkt vor meinen Augen und Ohren auf der Bühne eröffnete, währte die gesamten 120 Minuten. Ich konnte es kaum glauben. Ein lang gehegter Wunsch ging nun endlich in Erfüllung. Dieser Wahnsinnssound an diesem Abend! Diese Stimme! Diese Songs! Jeder Song ein Hit. So markant und „eingebrannt“ in mein musikalisches Langzeitgedächtnis. Eine hervorragend eingespielte Band, die das Gespür des Albums perfekt umzusetzen vermochte. Diese „traurig-melancholischen“ Songs, die sich durch Siverts Stimme förmlich aufdrängen, deren Gefühl man nicht entkommen kann.

Da ist „Terraplane“, diese jazzige Komposition, bei der Frode Jacobsohns schlurfender Bass vom zärtlichen Schlagzeugspiel Jon Lauvland Pettersons begleitet wird, sich das Piano liebevoll und doch fordernd zugleich anschmiegt, dazu die feinen „Slides“ vom hervorragenden Gitarristen Cato Salsa Thomassen (ergänzend zur Studio Version) und immer wieder Siverts Gesang, der dem ganzen diese Einzigartigkeit verleiht. Einer der vielen Höhepunkte an diesem Abend.

„Industrial Silence“ wurde in seiner gesamten Schönheit und Einzigartigkeit komplett gespielt und ich fühlte mich 20 Jahre zurückversetzt, als Sivert vor dem Song „Electric“ über die Stimmung der Band damals im Studio erzählte und man unglaublich stolz auf diesen „first decent Song“ gewesen ist und „man [das Gefühl hatte] die beste Band der Welt zu sein„.

Wie recht er behalten sollte!

Der Zugabenteil war ein Füllhorn einiger ihrer größten Hits. „Black Mambo“, mit diesem markanten Bass-Intro von Frode, der sich zu einem wahren Rockmonster auftürmt und auf einen niederprasselt. Und so war es immer wieder diese überragende Rhythmusfraktion, die dem Konzert den Stempel aufdrückte. So z.B. „Hands Up-I Love You“, dem Überhit auf dem Album „Nightly Disease“, bei dem Frode so unnachahmlich auf seinem Fender-Bass die Saiten zupft  oder bei  „Only When Your´re Gone“ -diese majestätische Hymne, bei der Frode und Jon den Rahmen bilden und sich im Konzert das Piano von Christer Knutsen eindrucksvoll einbettete.

Bei „Majesty“ konnte man die Melancholie an diesem Abend fast berühren. Das Columbia Theater lag Madrugada förmlich zu Füßen.

„So am I good or bad
The way that things did turn out
I did only make you sad
And we cried and we cried on the phone
Oh but in my mind
You were never that all alone

Oh you were majesty
Your robes were heavy
And your longing was a cutting from bone“

Mit dem wuchtigen „The Kids Are On High Street“ und demValley of Deception“ endete das Konzert.

Sichtlich gerührt und mit kaum enden wollendem Applaus, verabschiedete sich das Berliner Publikum von der Band.

Was für ein Abend. Danke, Madrugada!

 

Setlist:

  1. Vocal
  2. Belladonna
  3. Higher
  4. Sirens
  5. Shine
  6. This Old House
  7. Strange Colour Blue
  8. Salt
  9. Norwegian Hammerworks Corp.
  10. Beautyproof
  11. Quite Emotional
  12. Terraplane
  13. Electric
  14. Black Mambo
  15. Hands Up – I Love You
  16. Only When You’re Gone
  17. What’s on Your Mind?
  18. Majesty
  19. The Kids Are on High Street
  20. Valley of Deception