Das Ende steht gleich am Anfang. Die Botschaft ist eindeutig.

Egal, wie schwer die Herausforderung scheint, welch´ erschütternde Bilder wir Euch heute zeigen, wie kraftvoll und einschüchternd die Worte auf den LEDWänden auch sind, sei es noch so kompliziert, aussichtslos oder entmutigend: Seid hoffnungsvoll und stark! Es gibt immer einen Weg, den einen Grund weiterzumachen, aufzustehen, zu lernen, zu kämpfen. Im Kleinen wie im Großen.

„I found a reason to keep livin‘
Oh, and the reason dear is you
I found a reason to keep singin‘
Wow-woh, and the reason, dear, is you“

……….

„Honey, I found a reason to keep living
And you know the reason, dear it’s you
And I’ve walked down life’s lonely highways
Hand in hand with myself
And I realized how many paths have crossed between us“

Als die zarte Velvet-Underground-Komposition aus der Feder von Lou Reed durch die wunderschöne Jahrhunderthalle schwebt, wird es still. Sehr still. Es ist der erste Song des Abends. Die Bilder von künstlichen Megastädten, Konsum, Macht und Geld, von Einsam- und Grausamkeit, welche über die große Leinwand flirren, könnten widersprüchlicher nicht sein. Ein starker Auftakt.

Massive Attack hatten im vergangenen Jahr angekündigt, eines ihrer unbestrittenen Meisterwerke „Mezzanine“ in voller Länge aufzuführen. Dieses Konzept erfreut sich inzwischen bei vielen Bands großer Beliebtheit (Madrugada, Interpol u.v.a.) und so kamen die Musiker aus Bristol 21 Jahre nach dem Erscheinen der Platte für 2 Konzerte auch nach Deutschland.

Dass Elizabeth Fraser, die Originalstimme der vielen Klassiker auf dem Album, mit dabei sein würde, war ein weiterer Grund für die Reise nach Frankfurt, zumal sie vor gut 20 Jahren auf der Originaltour nicht dabei war.

Als die Velvet-Underground-Hymne verklungen war, stand er da im gleißenden Scheinwerferlicht: Leicht grau meliert, der große schlanke, fast 60-jährige Schlaks, so lässig in seiner Adidas- Lederjacke, sein „Move“ federleicht, mit dem er für jeden Tarantino-Film eine Bereicherung wäre. Grant Marshal, aka Daddy G, tritt ans Mikro und singt „Risingson“:

„Why you want to take me to this party and breathe
I’m dying to leave
Every time we grind we know we severed lines
Where have all those flowers gone
Long time passing
Why you keep me testing, keep me tasking
You keep on asking“

Das ist für mich wieder einer der unvergessenen Momente der vergangenen 20 Jahre. So simpel und doch so eindringlich, wie er mit seiner rauen Stimme in der Strophe changiert. Fantastisch, immer wieder.

Das Konzert folgt einer klaren Dramaturgie: Es werden ausschließlich Massive-Attack-Songs vom „Mezzanine“-Album und Cover-Versionen gespielt.

Da knallen sie dem Publikum krachenden Indie-Rock von The Cure um die Ohren („10:15 Saturday Night“), zu dem Robert Smith einmal sagte: „Watching the tap dripping, feeling utterly morose, drinking my dad’s homemade beer…my evening had fallen apart, and I was back at home feeling very sorry for myself!“

Das sind die verzweifelten Momente, in denen man sich die existenziellen Fragen des Lebens stellt. Und doch geht es immer wieder weiter. Es gibt immer einen Weg.

So wie in „Dissolved Girl“, einem Song von „Mezzanine“, wo auf der Leinwand ein Youtube-Video läuft und eine junge Frau ihren Lieblingssong singt -„Dissolved Girl“.  Darüber legt sich während des Konzertes Elizabeth Frasers Stimme. „Sei mutig, sei stark, probier‘ dich aus, hab keine Furcht“ ist offenkundig die Botschaft.

Ein sehr berührender Moment.

Dann fegt brachial der Bauhaus-Song „Bela Lugosis Dead“ durch die Jahrhunderthalle, in „Exchange“ wird der jazzige Bass urplötzlich durch die Wucht und Lautstärke von randalierenden Skins auf der Leinwand gebrochen und schreckt einen auf, in „Rockwrok“ einem Ultravox-Klassiker, wagen sich Massive Attack an den Punk und scheitern nicht. „I Predict a Riot“ möchte man schreien.

Und Horace Andy? Integraler Pfeiler von Massive Attack und deren Musik. Er strahlt eine Vitalität und Virtuosität aus, die beeindruckt. Sein „Angel“ und seinMan Next Door“ klingen frischer und aufgeräumter denn je.

Wie alle „Mezzanine“-Songs an diesem Abend, die in großem Maße in ihrer Ursprünglichkeit der Veröffentlichung von 1998 belassen wurden und sich nicht dem ausuferndem Diktat der technischen Möglichkeiten fügen mussten.

Mit seinem Reggae-Klassiker aus dem Jahr 1969, „See a Mans Face“, kam Horace Andy zurück und wurde vom Frankfurter Publikum frenetisch gefeiert.

In dem Pete-Seeger-Song „Where have all the flowers gone“ stehen die sehr verstörenden und realen Bilder von Tod, Gewalt, Leid, Trauer, Krieg und Zerstörung dem herzzereißenden, lieblichen Gesang von Liz Fraser gegenüber. Gibt es einen Ausweg? Wird die Menschheit jemals aus ihren Fehlern lernen? Der Song endet mit den Bildern eines Schmerzmittels. Ist das Elend der Welt nur so zu ertragen? Ein bewegender und düsterer Moment. Und Lou Reed ist weit weg in diesem Augenblick.

Kurz vor Schluss erklang dann wie aus einer anderen Welt für eine knappe halbe Minute ein Avicii-Song. War das eine Hommage an den kürzlich verstorbenen DJ oder gar eine ironische Brechung seiner Produktionen im Kontext zu der Haltung und dem Konzert von Massive Attack?

Es klang so synthetisch, so grauenvoll, dass ich froh war, dass es rasch vorbei war. War es eine mahnende Anklage an unsere Zeit der Oberflächlichkeit? Der ewigen Verfügbarkeit, die mitunter im Tod endet? Sollten wir uns zurücknehmen, um relevant bleiben zu können?

Ich habe keine Antwort parat. Aber es gibt immer einen Weg. Zu lernen, zu verstehen.

Mit „Group Four“ endete mit roher Wucht wie vor 21 Jahren das Massive- Attack-Konzert. Als wenn es dieses katharsische Elements am Ende immer wieder benötigt. Beängstigend und aufrüttelnd zugleich.

Die Band verließ die Bühne, wie sie gekommen war. Ohne ein gesprochenes Wort an das Publikum.

Die Bilder, die Musik und die digitalen Texte stehen für sich. Mehr braucht es nicht. Keine Zugabe. Kein anderen Songs.

Setlist:

  1. I Found a Reason (The Velvet Underground Cover)
  2. Risingson
  3. 10:15 Saturday Night (The Cure cover)
  4. Man Next Door (with Horace Andy)
  5. Black Milk (with Elizabeth Fraser)
  6. Mezzanine
  7. Bela Lugosi’s Dead (Bauhaus cover)
  8. Exchange
  9. See a Man’s Face (Horace Andy cover) (with Horace Andy)
  10. Dissolved Girl (with Elizabeth Fraser on Vocal but not on Stage)
  11. Where Have All the Flowers Gone? (Pete Seeger cover) (with Elizabeth Fraser)
  12. Inertia Creeps
  13. Rockwrok (Ultravox cover)
  14. Angel (with Horace Andy)
  15. Teardrop (with Elizabeth Fraser)
  16. Levels (Avicii cover)
  17. Group Four (with Elizabeth Fraser)