kraftwerk_posterDen Reiz eines Kraftwerk-Konzertes machen -neben der erhabenen Musik und den brillanten, reduzierten Grafiken- die kleinen und großen Geheimnisse aus, die das Künstlerkollektiv da vor dem staunenden Publikum inszeniert. Wer ist dieser neue Musik- und/oder Bild-Maschinist rechts außen zum Beispiel? Welchen Teil der Musik spielen die Musiker selbst und live, was kommt direkt von den Kling-Klang-Festplatten unter der schicken Bühne? Wieviel der Setliste ist seit den MoMa-Konzerten eh vorprogrammiert?
So ganz wird man das Rätsel hoffentlich nie lösen, nur soviel war uns nach dem zweiten Abend in Düsseldorf (und den vorherigen Erfahrungen aus Berlin 2004 und Wolfsburg 2009) klar: die Mensch-Maschine schraubt während des Konzertes doch noch ordentlich am Werk herum.

Neben den gelungenen viseullen 3D-Effekten, ist die Ton-Mischung bei diesen Konzerten ebenfalls bemerkenswert. Nachdem man schon seit den Wolfsburger Konzerten 2009 zum Quadrophonie-Mix von Pink Floyd aufgeschlossen hatte, liegt man nun mit der Wellenfeldsynthese genannten Technologie wieder ein Stück vorne. Dabei wird im Mix nicht mehr in Kanälen wie „links“ „rechts„, „hinten links“  etc. gedacht, bzw. gemixt. Man mischt Klänge an bestimmte Positionen im Raum oder gibt ihnen „Wege im Raum“ vor. Sehr schön erklärt das dieses Video:

Wir standen relativ weit vorne und haben von der Wellenfeldsynthese ehrlich gesagt nicht so viel mitbekommen – in meinen Ohren klang das eher wie ein -etwas zu effekt-betonter- Quadrophoniemix – das kann aber wohl an unserer Position gelegen haben.
Zur Liedfolge: Das eigentliche Thema das Abends, die „Computerwelt“ wurde erwartungsgemäß am den Anfang gestellt. Die Reihenfolge der Originalplatte wurde dabei nicht eingehalten, sondern das Konzert wurde mit den „Nummern“ begonnen – das war auf der „Computerwelt„-Tournee von 1981 wohl auch so und ist auch eine einleuchtende Eröffnung.

Nummern - Kraftwerk Neu war bald der „Taschenrechner“ – der einzige „Computerwelt“-Song der am Abend zuvor gefehlt hatte. „Heimcomputer“ und „More Fun to Compute“ wurden im bekannten Medley aus den vorherigen Tourneen vorgestellt. Ein knackiger, kompakter Einstieg von etwa 30 Minuten – viel länger ist das Album im Original ja auch nicht.
Nun also zu den Werken aus dem Katalog. Im direkten Vergleich zum Vorabend waren nun doch feine Unterschiede auszumachen: die „Metall auf Metall„-Sequenz in Trans-Europa-Express z.B. hatte an diesem Abend zum Beispiel deutlich mehr Wumms.

Kraftwerk - Vitamin

Zusätzlich zum „Tour de France„-Potpourri hagelte es noch „Vitamin„-Pillen auf das Publikum – ein dampfende, vorantriebende Nummer, die Lust auf mehr von Kraftwerks letzten Studioalbum machte. (Vielleicht ein Gruß an Lance A., der dieser Tage anderswo seine Beichte abgelegt? Kraftwerk scheinen auf alle Fälle immer auf der Höhe der Zeit zu sein.) Der „Planet der Visionen“ war merklich verknappt und kam viel druckvoller und knackiger daher als am Vorabend, wo ich es als ein Schwachstelle empfunden hatte.

Die größte Überraschung des Abends war allerdings, dass an diesem Abend ganz nebenbei auch noch einmal das vollständige „Mensch-Maschine„-Album gespielt wurde -inklusive der beiden fast instrumentalen Großtaten „Spacelab“ und „Metropolis„- und dazu pikanterweise noch in der richtigen Reihenfolge, also anders als beim gestrigen, eigentlichen Mensch-Maschine-Abend.
Fritz Hilpert, als Mensch-Maschinist im Frequenzbereich für metallisch zischendes, glucksendens sowie schepperndes Klackern, Dengeln und Puckern zuständig, meinte nachher auf Thomas‘ Nachfrage im Foyer, das sei wohl „aus Versehen“ passiert. Lässig.

Ralf_Huetter_Duesseldorf_2013

Das Ende des Abends wurde wie üblich mit „Music Non Stop“ eingeläutet – an dieser Stelle des Abends lüften die Musikanten einmal kurz zumindest das Geheimnis, wer für welche Geräuschabteilung der Mensch-Maschine verantwortlich zeichnet. Obermaschinist Ralf Hütter schaut mit verschränkten Armen zufrieden zu, wie seine Kollegen -so scheint es- hochkonzentriert irgendwelche absurden Elektrolaute live modellieren, verzerren, verfremden, komprimieren und puckernd durch die Halle schicken. Das ganze hat in diesen Momenten auch etwas von einem Jazz-Konzert – nur halt mit coolen Grid-Overalls und 3-D-Brillen!
Hütter greift noch einmal in die Tasten und lässt Konzert mit einer scheppernden Akkordfolge auf seiner klassischen Kraftwerk-Orgel ausdröhnen. Herrlich!

Henning Schmitz und Fritz Hilpert zeigten sich nach dem Konzert noch kurz in Zivil im Foyer, gaben Autogramme und schlagfertige Antworten. Ein englischer Fan erzählte uns, er mache hier in Düsseldorf „all ten“ mit und dann noch „five at Tate“. Keine schlechten Aussichten. Wie weit ist es nach Poznan?