Nach dem erholsamen Zwischenstopp auf dem niedersächsichen Land (einschließlich „Matjesfest“) hatte ich noch das Glück mit einem Münchener Freund das zweit Hamburger Wall-Konzert am Samstag zu besuchen. Mein Begleiter ist -im Gegensatz zur sonstigen Sigge-Rocktours-Reisegruppe – vielleicht kein eingefleischter Fan, hatte aber, wie so viele junge Männer, mehr als ausreichend Zeit mit „The Wall“-Album, -Film und -Gitarrentabulatur verbracht und konnte nun das Stück aus Waters‘ Sturm und Drang-Phase und damit erstmals ein Pink Floyd bzw. PF-Solo Konzret live erleben.

Diesmal saß wir im Unterang auf der linken Seite. Obwohl es sich um die geringfügig günstigeren Karten handelte, muss ich gleich sagen, dass die Plätze bei dieser Show nicht ein bisschen schlechter waren, im Gegenteil – mich hat das zweite Konzert fast noch ein mehr umgehauen als das erste. Möglichweise liegt das daran, dass man nur von hinten die gesamte Show mit einem Blick erfassen kann und das man von der ganzen Wucht der Videoprojektionen getroffen wird, weil man das Geschehen auf der Bühne selbst eben nicht so gut verfolgen kann. Zusätzlich ist am Ende der Halle durch die Nähe zu den Quad-lautsprechern das Soundbild stärker von den vielen Soundeffekten geprägt.

Vorweg kurz zu dieser Wall-Aufführung im Allgemeinen: Ich glaube, Waters hat mit dieser Aufführung von The Wall ein Kunstwerk geschaffen, dass trotz der 30 Jahre alten Musik erschreckend aktuell und inhaltlich kein bisschen angestaubt ist. Verstehen muss es wohl weniger als ein Konzert, sondern als eine Einheit aus Musik, Skultptur, Soundeffekten, Projektion, Choreografie und Puppentheater für die es keinen Vergleich gibt. Und die Frage die das Stück stellt, ist universell und aktuell wie damals: Wollen wird uns unser Leben durch unsere Ängste bestimmen lassen und uns einkapseln und abschotten bis wir nichts mehr fühlen? Gibt es andere Wege?

Man mag das naiv finden und Waters plakative Bildwelt für etwas oberschülerhaft halten. Man kann auch der Meinung sein, dass Waters seine Botschaft zuweilen sehr dick aufträgt.

Aber dass es sich um radikales und mutiges künstlerisches Statement handelt, dass versucht unsere komplexe und wiedersprüchliches Leben in eine (ebenso komplexe und widersprüchliche) Einzelperspektive zu fassen, ist Waters nicht abzusprechen.  Und auch nicht, dass es sich um ein aufregendes Stück Gegenwartskunst handelt, das seines gleichen sucht.

Musikalisch gab es an diesem Abend keine Überraschungen, die Show war perfekt runtergespielt. Das neue Zwischenspiel bei Brick2 / Mother finde ich sehr gewöhnungsbedürftig, da die Komposition mich eher an Waters jüngste Solo-Songs erinnert und sich nicht recht einfügen will. Visuell und inhaltlich ist die Sequenz aber sehr wirkungsvoll und gelungen.

An manchen Stellen hat mir im Detail die musikalische Umsetzung nicht 100%-ig gefallen, so finde ich das Brick2 keinen lässigen Groove entwickelt, sondern – vor allen Dingen wegen des knallharten Schlagzeugs – etwas zu stramm und zackig daherkommt. Auch finde ich bei CN die Mischung etwas zu hallig, übervoll und bombastisch – da wird auf volle Überwältigung gesetzt. Das Gitarrensolo ist schon OK – ein bisschen mehr Luft im Arrangement täte ihm aber vielleicht gut.

Das zweite Gitarrensolo in Mother, gespielt von GE Smith mit dem Bottleneck gefällt mir inzwischen auch gut, allein der Übergang von Snowys „regulärem“ Solo ist immer noch sehr sehr hakelig und unrund – man vergleiche dazu Gilmours „verlängertes“ Solo von 80/81.

Die Brick3/Last Few Bricks-Sequenz hat mir auch gestern außerordentlich gut gefallen. Hier macht die Band ordentlich Druck, um Brick3 die nötige Wucht und Wut zu verleihen. Last few Bricks als verspätete Overtüre mit den Themen aus der ersten Hälfte ist dann nochmal eine tolle Steigerung bevor der letzte Stein gesetzt wird. Auch toll übrigens das Waters in der ersten Hälfte relativ viel Bass spielt und sein Spiel auch gut zu hören uns prägnant ist – z.B. in Brick1.

Ein absoluter Höhepunkt der Show ist Run Like Hell, auch weil sich hier die ganze Doppelbödigkeit der Inszenierung offenbart. Während Roger seine Faschistenparodie auf die Höhe treibt, springt das Publikum zu den durchgetretenen Beats der Bassdrum auf die Beine und feiert einen der wenigen „Rock-Momente“ des Abends. Wenn dann das Wikileaks-Video mit der Tötung der beiden Reporter durch einen US-Hubschrauber der tobenden Menge gegenübergestellt wird, ist das einer der schockierensten und bewegensten  Momente der Show.

An andere Stelle bricht Waters bricht die Figur des Pink, in dem er seine eigen Bühnenpräsenz deutlich verändert hat: Wie schon auf den letzten Tourneen, sucht er in jeder freien Minute den Kontakt zum Publikum, winkt, ruft und lächelt. Meiner Meinung ist das manchmal vielleicht etwas viel des Guten – in Anbetracht der Spannung, die er der Rolle des angstbeladenen Pink oder des Rock-Diktator aufbauen kann.

An einer Stelle brach dann im zweiten Hamburger Konzert doch kurz des alte, „miserable“ Roger durch. Einen Zwischenrufer aus den ersten Reihen fertigte zwar freundlich, aber knapp ab („What?….I can’t hear you, because I have plastic things in my ears. – But I’m sure it was to the point and I thank you for you contribution„).

Immerhin hat er nicht hinterhergespuckt.