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Arne, Henning & Tom on Tour - Konzerttagebuch

Die singenden Kettensägen. Mogwai in der Berliner Columbiahalle.

mogwai berlin 2017

Da waren‘s nur noch drei. Nach dem krankheitsbedingten Ausfall Martin Bulloch und dem Ausstieg von John Cumming nach dem letzten regulären Studioalbum „Rave Tapes“ standen in der Columbiahalle noch drei Kernmitglieder der klassischen Mogwai-Besetzung auf der Bühne – streng genommen sogar nur zwei Gründungsmitglieder. Dessen ungeachtet überzeugten Mogwai durch eine sehr kräftige und mitreißende Vorstellung mit einer abwechslungsreichen Setliste.

Die Aushilfsschlagwerkerin Cat Myers machte einen mehr als respektablen Eindruck und brachte sich mit einem etwas dynamischeren Spiel, als man es vom extrem stoischen Bulloch gewohnt ist, ein. Mir hat es sehr gut gefallen, dass es in dieser kräftigen Musik eine Spur mehr swingte. Die drahtige junge Dame mit schnittiger Kurzhaarfrisur sorgte auch optisch für Abwechslung im sonst doch recht ereignisarmen Mogwai-Bühnenbild („Kräftige-Jungs-nehmen-nach-dem-Song-einen Schluck-aus-der-Becks-Flasche-und-kriegen-dann-und-wann-eine-andere-Gitarre-umgehängt“). Weniger druckvoll war es deswegen aber keineswegs. Der klassisch-staubtrockene Mogwai-Schlagzeug-Sound schob die Stücke vor sich her wie eh und je.

Das neue Album „Every Country‘s Sun“ kommt tendenziell wieder etwas gitarrenlastiger und rockiger daher – auch wenn es bei dieser Art der Kompositionen eher um Schattierungen geht, als um ganz krasse Richtungswechsel. Ob das neue Album auch Grund dafür ist, dass der Rang in der Columbiahalle unzugänglich blieb und mit schwarzem Tuch abgehängt wurde, bleibt nur zu vermuten. Nach dem letzten regulären und gut besuchten Konzert im größeren Tempodrom hat es mich aber überrascht.

mogwai berlin 2017

Von den aktuellen Stücken stachen das fast dream-poppig-anmutende “Party in The Dark” und „Battered at a Scramble” (mit Gniedel-Gitarrensolo) für mich heraus. Das zart-melancholische „Cody“ gab dem Publikum Gelegenheit, etwas Luft zu Schnappen.

Richtig laut (wobei sich die Gesamtlautstärke im Verhältnis zu früher auf ein allgemeinverträgliches Maß eingeschwungen hat) wurde es dann wieder bei „Old Poisions“ aus der „Every Country‘s Sun“. Dem Stück haftet leider der Makel an, dass es ganz offensichtlich den klassischen Metal-Setcloser – die legendäre wie furchteinflößende „Bat Cat“- ablösen soll und sowohl beim Sound als auch bei der Struktur stark in deren Revier wildert. Letztendlich wird aber die kompromisslose Schärfe und Wucht der ursprünglichen Kettensägen-Gitarren-orgie hier nicht ganz erreicht.

mogwai berlin 2017

Egal, denn der Zugabenteil ließ aus meiner Sicht keine Fragen unbeantwortet: „Remurdered“, der synthi-basierte Signatur-Stampfer aus der „Rave Tapes“-Phase, ist mittlerweile völlig zu Recht fester Bestandteil des Schlussaktes der Mogwai-Show geworden – weil hier ein irrer elektronischer Arpeggiator-Puls kongenial mit dem über Jahre erprobten Gitarrenwand-Schub verschmilzt. Diesmal noch etwas konzentrierter als zuletzt im Tempodrom (ohne zusätzliches Getrommel) und mit einem Orgelsolo am Schluss, dass sogar den Ralf-Hütter-Roboter erblassen lassen hätte. Ein Über-Ding, stark!

Zum Abschluss des Programms holte die Gruppe neben diesem neueren Schlachtross noch ein ganz altes aus dem Stall: „Fear Satan“, mit dem vielleicht legendärsten und erbarmungslosesten der legendären und erbarmungslosen Mogwai-Crescendi: Ganz, ganz leise – monströs laut. Monströs toll.

mogwai berlin 2017

 

 

Setliste:

Crossing The Road Material

Coolverine

Party In The Dark

Ithica 27o9

I’m Jim Morrison, I’m Dead

Battered At A Scramble

Hunted By A Freak

Don’t Believe The Fife

Cody

Every Country’s Sun

2 Rights Make 1 Wrong

Old Poisons

Zugaben:

Remurdered

Mogwai Fear Satan

1 Kommentar

  1. Schön geschrieben und kann ich so unterschreiben.
    „2 Rights Make 1 Wrong“ war mein Highlight auch wenn das gesampelte Addon am Ende gewollt neu erfunden wirkte.

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