Strahlend steht Rachel Goswell auf der großen Bühne des Neuköllner Huxleys. Ihr bezauberndes Lächeln und ihr wacher Blick umarmt jeden Einzelnen im Publikum. Der kleine glitzernde Plastikflamingo auf ihrem Keyboard, dieser mythenbeladene Feuervogel, Bote der Liebe und der inneren Ruhe, thront königlich dort oben. „Schaut her, das sind wir“  meint er und gibt großzügig von seinem Glanz auch an das Publikum ab.

An diesem tristen Oktoberabend steht dort das „Classic-Line Up“,  die fünf Musiker der Band Slowdive, dieser sagenumwobenen Band des Shoegaze, die zu Beginn der 90er Jahre drei Alben veröffentlicht hatte bevor sie wieder in der Versenkung verschwand. Die Zeit war noch nicht reif für ihre Musik. Verlacht und verschmäht. Vom Grunge jener Tage weggespült.

Doch der Wandel ist das einzig Beständige und Slowdive sind seit gut 3 Jahren zurück. Größer denn je. Ein voller Tourplan. Ein neues Album. Die Auftrittsorte wurden größer. Heute anerkannt und geliebt.

Zum zweiten Mal in diesem Jahr kamen Slowdive in die Hauptstadt. Nach über 20 Jahren und einem fulminanten Berlin – Comeback im April, im Festsaal Kreuzberg, führte sie ihr Weg am 3. Oktober in die Hasenheide. Das Huxleys war restlos ausverkauft.

Catch the Breeze

In den kommenden 100 Minuten nahm uns die Band mit auf ihre Reise voller traumhafter Melodien und zarter, berührender Harmoniegesänge von Rachel Goswell und Neil Halstead.  Die „stürmische Oktober – Welt draußen“ schien für eine kurze Zeit fast vergessen.

Die sich schichtenden Gitarren, die mit Effekten und viel Hall zu einer Soundwand geformt wurden, der brummende und treibende Bass und das druckvolle Schlagzeug konnten sich in dem räumlich dazu passenden Saalbau in Neukölln großartig entfalten. Raum, Band, Musik und das Publikum verschmolzen zu einem Ganzen. Die Musik legte sich wie ein sonniger Schleier über die Besucher, die respektvoll diesem Auftritt huldigten.

Die Reise schlängelt sich durch sonnige Gefilde am Big Sur („Catch the Breeze“, „When the Sun Hits“), biegt die steile Küstenstraße hinab („Star Roving“, „ Sugar für the Pill“ ) und in der Bar am Strand perlt das kalte Getränk im Glas lädt zum Verweilen ein („Avalyn“, „Blue Skied An´ Clear“). Die Sonne leuchtet rot am Horizont und glitzert im Meer. Und nebenan sitzt Syd Barrett mit der Gitarre.

„Golden Hair“,  der Vertonung eines Gedichtes von James Joyce durch Syd und fester Bestandteil des Slowdives Set seit ihrer Rückkehr vor drei Jahren, klingt so wunderbar von Rachel. Nur Sie. Sanft und leise die Akkorde dazu. „Lean out your window, golden hair/ I heard you singing in the midnight air“. 

Das angefügte Slowdive Instrumental Outro läutet wuchtig das Ende des Tages ein. Die Gläser sind geleert. Die Bar klappt die Läden hoch. Der laue Sommerwind streichelt das Haar.

Die Reise nähert sich ihrem Ziel. Mit drei Zugaben beschenken uns Slowdive.

„Dagger“, einer der außergewöhnlichsten Songs in ihrem Oeuvre, wird an diesem Abend ein Moment für die Ewigkeit. Der ganze Saal ist still. Leise. Kein Wort. 1600 Menschen. Eine Messe. Der akustische Song, der die Aufmerksamkeit aufgrund seiner Schlichtheit und emotionalen Tiefe („It is about a fucked up relationship”,) verdient, würdigt an diesem Abend das Berliner Publikum. Fantastisch. Und Neil schaut kurz zu Rachel.

„The sunshine girl is sleeping/ She falls and dreams alone/And me I am her dagger/ Too numb to feel her pain“.

Mit „40 Days“ geht die Fahrt rasant zu Ende. Der Himmel ist dunkelblau gefärbt. Die allerletzten Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg zu den Sternen.

Der Applaus reißt einen aus den Träumen zurück in die Wirklichkeit. Es ist zu Ende. Die Türen klappen. Eine Träne des Glücks wird verdrückt.

Und draußen ist noch immer der 3. Oktober. Rau und kalt. Bewegte Zeiten.

Danke, Slowdive für den Moment.

Setlist:

  1. Slomo
  2. Catch the Breeze
  3. Crazy for You
  4. Star Roving
  5. Slowdive
  6. Souvlaki Space Station
  7. Avalyn
  8. Don’t Know Why
  9. Blue Skied an‘ Clear
  10. When the Sun Hits
  11. Alison
  12. Sugar for the Pill
  13. Golden Hair (Syd Barrett cover)

Encore:

14. No Longer Making Time

15. Dagger

16. 40 Days