
Gewalt vermutet man in Bielefeld richtigerweise hinterm Bahnhof. Schon im letzten Jahr gastierte die Berliner Noise-/Wut-Wave-Band im Nummer-zu-Platz. In diesem Jahr spielte man im wenige hundert Meter entfernten, größeren Forum, wenn auch nur auf der kleinen Bühne.
Bei beiden Läden hatte ich vor einiger Zeit schon beschlossen, sie häufiger zu besuchen. Hier gibt es ehrliche Konzerte zu überschaubaren Preisen zu sehen. Man ist den Musikern so nah, dass man aufpassen muss, dass die vordere Zahnreihe keinen unbeabsichtigten Kontakt mit einem Gitarrenhals macht. Eine gute Abwechslung zu all den großen Produktionen, die in diesem Blog oftmals besprochen werden.
Mit Gewalt hat das SRT-Team schon seit Jahren Berührungspunkte. Vor vielen Jahren teilte sich Mietminderung mit Ihnen einen Probenraum, 2018 sorgten sie als Support von Jack White für eine meiner Lieblingsüberschriften auf SRT, Tom besuchte diverse Konzerte von ihnen, zuletzt sogar in Athen. Natürlich sendete da die OWL-Fraktion eine Delegation ins Forum nach Bielefeld.
Halb aus Plastik
„Wir sind die lokale Vorband“, stellte sich Münsteraner Post-Punk-Band Halb aus Plastik vor. Mit fünf Personen bevölkerte die Band die kleine Bühne und brachten mehr Equipment mit als der spätere Hauptakt. Dafür schleppte jedes Bandmitglied gefühlt 2-3 Freunde oder Familienmitglieder mit. So füllte sich die kleine Variante des Forums schnell. Rund 100 Zuschauer füllten den Raum, man hatte den Eindruck eines gut besuchten Konzerts
So geht die Geschichte
Trotzdem fragt man sich, wie die Beteiligten bei einer solchen Konstellation auf ihre Kosten kommen können. Für die Vorband blieb sicher kaum Gage übrig. Wir fragen uns, was die Jungs wohl im Hauptberuf machen, wenn sie nicht gerade Songs über Stoßlüften oder ihren Plan A singen. Wir tippen auf alles zwischen Erdkundelehrer und Finanzbeamter. Viele Bands funktionieren heutzutage nur als Hobbyprojekte von Menschen, die es sich nebenbei leisten können. Das Forum Bielefeld e.V. ist ein Verein, der ohne finanzielle Mittel der öffentlichen Hand arbeitet. So wird auch heute noch bei vielen Veranstaltungen ehrenamtlich gearbeitet.
So kann man jedem Besucher nur raten: Wenn der Burger vor dem Konzert fast mehr kostet als das Ticket, dann seid großzügig: Gönnt euch mehrere Getränke an dem Abend, besucht im Anschluss den Merch-Stand. Wie Patrick Wagner in seinem Blogbeitrag „Things get broken“ über das Bandjahr 2025 andeutet: Hier können Bands noch etwas verdienen. Verzichtet auf das überteuerte T-Shirt bei der nächsten Großproduktion und schubst lieber kleine Bands durch Konsum am Merchandise-Stand wenigstens ansatzweise in die Gewinnzone.



So soll es sein
Während Halb aus Plastik noch am Abbauen sind, kommt Sol Astolfi mit dem Bass in der Hand durchs Publikum auf die Bühne und richtet sich dort ein. Auch der Rest der Band schleppt selbst Equipment und stöpselt Kabel. Mit auskuriertem Knöchel ist Helen wieder dabei und vervollständigt das Trio, das im letzten Jahr zeitweise zum Duo schrumpfte. Einen Drummer gibt es nicht. Die Beats kommen vom Drumcomputer, der per Fußtaste angetreten wird. „Wir wollten, dass die gespielten Instrumente näher an der Kälte der Maschine sind“, sagt Wagner einst im Spiegel-Interview.
Der Übergang von Aufbau zum Soundcheck und schließlich Konzert ist fließend. Vier Wasch-Beams sorgen für das nötige Licht auf der Bühne, mehr braucht es nicht.
Es funktioniert
Es geht los mit Trans und Gier. Die Setlist funktioniert. Sie hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum geändert. Das Doppel- Denk-Album ist immer noch gut vertreten, zwischen Klassikern wie Deutsch oder Gier. Leider fehlte Limiter, dafür gab es mit Zuckung die Weltpremiere eines neuen Songs.
Die Stimmung im Forum ist klasse. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Hardcore-Gewalt-Fans vor Ort sind. Das Publikum ist schwer einzuschätzen. Wir ziehen den Altersschnitt nicht wirklich nach oben. Offenbar sind einige ältere Herren mit Punk-Vergangenheit vor Ort, vermutlich Stammgäste im Forum.
„Von Vorverkauf haltet ihr nicht so viel, oder?“ müssen wir uns von Patrick fragen lassen. Am Vorabend kaufte ich die Tickets mit den Nummern 29 und 28. Rund drei- bis viermal so viele Zuschauer standen schließlich im Forum und hatten eine gute Zeit. Für die Band war es ein auf und ab. Erst zog sich die Hinfahrt von Berlin nach Bielefeld über acht Stunden hin, dann riss Patrick eine Saite. Bei einer kleinen Band heißt das: Unterbrechung. Der Chef repariert den Schaden hinter seinem mächtigen, abgewetzten Marshall-Verstärker selbst, bevor es weitergeht.
Paradies

Songs wie Jemand stechen live für mich heraus. Die Hook taugt zum Mitsingen, fast wie bei einem Mainstream-Hit. Trotzdem bleibt Gewalt eine Nischen-Band. Spielt man die Alben auf der heimischen Anlage, bleiben die Texte in prägender Erinnerung. Nicht umsonst klebt auf der Paradies-Box ein Sticker, mit dem der Spiegel bescheinigte, die „wirkmächtigste deutsche Rockplatte des Jahres“ abgeliefert zu haben.
Schwarz Schwarz
Live dominiert die Energie der Band. Man will „das Elend tanzbar machen“ . So werden die Songs auch für das Publikum eingeordnet „Das ist ein Banger!“ oder „Das ist ein Shaker!“ Wagner arbeitet hart auf der Bühne, gibt alles, ist am Ende sichtlich abgekämpft. Das Konzert endet nach etwas über einer Stunde mit seiner Sicht auf die Welt: Nicht Schwarz/Weiß sondern Schwarz/Schwarz. Zugaben gibt es bei Gewalt nicht. „Wir wollen uns nicht zum Kasper machen.“ Akzeptiert!
Wer will trifft Patrick Wagner im Anschluss noch am Merchandise-Stand. Ich spreche ihn auf meine erste Begegnung mit Gewalt an, den Support Act für Jack White in der damaligen Verti-Music-Hall.„Ja, das war ein klasse Konzert.“, sagt Wagner grinsend: „Da haben wir eine Menge verstörter Menschen hinterlassen.“ Ja, so war es, und es war klasse.
Setlist:
- Trans
- Gier
- Jemand
- Es funktioniert
- Jahrhundertfick
- Egal wohin der Wind uns weht
- Unterwerfung
- Deutsch
- Felicita
- Guter Junge
- Zuckung
- Schwarz Schwarz









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