Dieses ursprünglich für den 23. August geplante Konzert, fand tatsächlich am 16. August statt, da später in der Tourplanung ein weiteres Zusatzkonzert in Hannover am 17. August nachgeschoben wurden, das allerdings zu einer verregneten Angelegenheit werden sollte.

Nach dem Kölner Konzert am 2. August, das wir aus den ersten Reihen miterleben durften, gab es hier für uns ein ganz andere Perspektive. Diesmal saßen wir auf der Tribüne gegenüber der Bühne. Später erlebten wir noch das Konzert in Gelsenkirchen aus der Mitte des Innenraums. Beruhigende Feststellung: Auf Pink Floyd Konzerten gibt es praktisch kaum schlechte Plätze. Die Show erreicht einen an den unterschiedlichsten Stellen auch in riesigen Stadien, und jeder der drei Positionen hatte ihren speziellen Charm.

Eine große Auswahl hatten wir auch gar nicht. Damals (im Dezember 1993) musste man nehmen, was der lokale Tickethändler an Karten zugeteilt bekam. Bei uns war es eben die Tribüne Block F Süd. Eine stadionweite Saalplanbuchung gab es damals noch nicht. Dafür gab es noch hübsche, individuelle Tickets für die einzelnen Konzerte.

Dieses Konzert wurde für uns zu einem Familienausflug. Unsere Eltern schlossen sich uns an und spendierten uns die Tickets zu Weihnachten. So hatten wir eine gemütlcieh Anreise und suchten uns entspannt einen guten Platz, denn im Block selber war freie Platzwahl.

Auch wenn wir das Stahlkabel, das von der Bühne zur gegenüberliegenden Tribünendachkonstruktion verlief, und das Flugzeugmodell bemerkten, ahnten wir nicht, dass wir an diesem Tag das Dark Side Of The Moon Seterleben würden.  Bis dahin wussten wir auch noch gar nicht, dass dies auf der 94er Tour gespielt wurde. Wir kannten nur ein Bootleg vom Auftaktkonzert der Tour in Miami. So waren wir auch mehr als überrascht, als das Konzert mit Shine On statt mit dem erwarteten Astronomy Domine begann. Dazu kam, dass das Konzert bei Tageslicht startete und daher auf den begleitenden Film verzichtet wurde. So irritierte uns die Setlist der ersten Hälfte uns auch immer mehr. Kaum etwas, von dem was wir unseren Eltern vorhergesagt hatten, traf ein.

Als das zweite Set mit dem bekannten Herzschlag startete, stiegen Verwirrung und Freude abermals. Es dauerte aber noch zwei bis drei Songs, bis uns klar wurde, dass Pink Floyd offensichtlich gerade im Begriff waren, das komplette Dark Side Of The Moon Album zu spielen. Wir waren sprachlos.

Der Zugabenteil verlief wie erwartet (überwältigend). Nach dem Konzert bot sich ein ähnlcihchaotisches Bild wie schon in Köln. Es dauerte über zwei Stunden, bis wir die nächste Autobahnauffahrt erreichten. Das war aber egal, denn es gab genug zu diskutieren..

Oliver Thöne, den wir erst ein paar Jahre später kennen lernten, erinnert sich ebenfalls an dieses Konzert:

Zarte 16 Jahre war ich, als ich mein erstes –und leider einziges- Pink FloydKonzert im Niedersachsenstadion in Hannover besuchte. Sigge-Rocktours war mir damals gänzlich unbekannt. Daher nahm ich damals ein Pauschalreiseangebot eines örtlichen CD-Händlers in Anspruch, nachdem ich zunächst 3 Tage erfolglos in der Warteschleife der Ticketbestellhotline hing, um eigentlich Karten für das Konzert in Köln zu bekommen. Die Ankündigung der 94er Tour entdeckte ich Ende 1993 in der Tageszeitung, und nachdem ich in den frühen 90ern trotz meines jugendlichen Alters bereits eine stattliche Floyd- Sammlung aufgebaut hatte, stand für mich sofort fest, dort hinfahren zu müssen.

Nach unerträglicher Wartezeit war es dann endlich soweit. Morgens noch in der Schule gewesen, am Mittag ging es dann zusammen mit meinem besten Kumpel los, mit dem Zug in die Nachbarstadt und von dort mit dem Reisebus weiter nach Hannover. Wir waren mit Abstand die jüngsten Mitreisenden, und der Altersschnitt vor dem Stadion, wo wir mit zigtausend anderen erst mal zwei Stunden auf den Einlass warten mussten, lag auch eher im 40er Bereich. Wie übrigens auch die Temperaturen, was sich die Getränkeverkäufer vor dem Stadion bei der Preisgestaltung zu Nutze machten.

Wohl eine Besonderheit in Hannover war, dass es für Mitarbeiter und Gäste des Toursponsors, bekanntlich einem niedersächsischen Autobauer, einen Sondereingang völlig ohne Gedränge gab, während sich zehntausend Normalsterbliche durch ein einziges Tor in derselben Größe schieben mussten. Damit nicht genug: Für VW waren auch die besten Plätze auf der Haupttribüne reserviert, und kleine Glühstäbchen, die später effektvoll in die Lightshow eingearbeitet wurden, bekam man dort auch noch dazu.

Unsere Plätze erwiesen sich dagegen als eher schlecht, nämlich am äußersten rechten Rand der Haupttribüne mit sehr schräger Sicht auf die Bühne. In unserem Block stand auch der Lautsprecherturm für die Quad- Anlage, was für den nächsten Tag Ohrenschmerzen befürchten ließ.

Nach Einlass ins Stadion fielen unsere Blicke aber erst mal auf die gigantische Bühne, die in Hannover zu meiner Überraschung vor der (damals auch nur schlecht ausgebauten) Gegengeraden aufgebaut war anstatt auf einer Kopfseite des Spielfeldes. Auch der Mischpultturm war recht beeindruckend und größer, als bei anderen Künstlern die Bühnen.

Nachdem die ersten Eindrücke verarbeitet waren, vertrieben wir uns die Wartezeit – mal wieder – mit Spekulationen über die Setlist. Da ich das damals noch lesenswerte „Eclipsed“- Magazin abonniert, bereits einige (damals noch in gut sortierten Plattenläden ohne weiteres erhältliche) Bootlegsder US- Tour gesammelt und auch schon Videos derselben gesehen hatte, war ich eigentlich auf das typische Neue-Songs-im-ersten-und-besserbekannte-im-zweiten-Teil-Set eingestellt. Trotzdem hoffte ich auf Überraschungen, gab es doch die aus heutiger Sicht abwegigen Gerüchte, PF hätten in den USA auch Sachen wie Interstellar Overdrive oder Pigsgespielt. Womit ich keinesfalls rechnete, war die komplette Aufführung von Dark Side Of The Moon, obwohl ich damals schon wusste, dass es in den USA gespielt wurde – und im übrigen auch das Flugzeug für On The Run unterm Stadiondach hing!

Erstes, wenn auch schwaches Anzeichen für einen ungewöhnlichen Verlauf des Abends war dann gegen 20.30 Uhr das gewaltige Wummern der Synth- Fläche, die die vorab quadrophonisch eingespielten Soundeffekten aus Hubschraubern, Schafen und Rasenmähern ablöste. Rick und Jon Carin hatten sich von unserem Tribünenblock unbemerkt auf die Bühne geschlichen und begannen entgegen meiner Erwartungen mit Shine on, dessen erster Teil aus allen vier Boxentürmen dröhnte. Da wir uns ja den Block mit dem hinteren linken teilten war es im ersten Moment unglaublich laut, aber nie unangenehm! Allein die Bässe im Intro (und dort wird gar kein Bass gespielt!) brachten unsere Tribüne zum Schwingen und sorgten für ein unbeschreibliches Gefühl in der Magengegend.

Manch einem, der wahrscheinlich hauptsächlich zum Plaudern und Biertrinken hergekommen war, war das bereits viel zu laut und unser Block leerte sich innerhalb kürzester Zeit zusehends. Anscheinend war es kein Problem, mit den Karten noch in den Innenraum zu kommen, wenn man sich nur energisch genug wegen zu lauter Musik beschwerte.

Nach dem ersten Gitarrensolo von Shine on(das ich bis zum Erwerb des WYWH- Songbooks immer Part 1 zugeordnet habe, demnach aber zu Part 2 gehört) verstummte unser Lautsprechertürmchen aber erst mal und der Rest von Shine on (noch in der Delicate Sound of Thunder– Version, also ohne Pt.7) wurde in Stereo dargeboten, gefolgt von einem soliden und erwartungsgemäßen Learning to fly.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es zu diesem Zeitpunkt noch taghell war, was leider zu entsprechenden Einbußen bei der Lightshow führte. So wurden im ersten Set z.B. keinerlei Filme gezeigt und Mr. Screen gar nicht erst ausgefahren! Auch die abgespeckte Lightshowwar zwar durchaus noch beeindruckend, aber es ging schonrecht viel verloren, zumal es ein klarer Sommerabend war. Ein späterer Beginn wäre sicherlich besser gewesen, im Niedersachsenstadion muss aber wegen eines benachbarten Krankenhauses zeitig Schluss gemacht werden, so dass die Show dann noch weiter hätte gekürzt werden müssen. Ohnehin wurden in Hannover im ersten Set nur 8 statt der üblichen 9 Songs gespielt.

Von denen der nächste Take it backwar, das nur erwähnenswert ist, weil es an dieser Stelle, an der ich eigentlich mit What do you want from me gerechnet habe, gespielt wurde. Ich wunderte mich das erste Mal. Sorrowbestach durch das gewaltige Gitarrenintro und –outro und klasse Soli von Dave. Danach kam ein schönes High hopes (wie gesagt ohne filmische Begleitung). Ich wunderte mich ein zweites Mal. Und als auf Keep talking Another brick folgte war ich ernsthaft verwirrt. Noch immer verschwendete ich keinen Gedanken daran, dass sie möglicherweise Dark Side im zweiten Set spielen könnten. Trotzdem stieg die Spannung natürlich. Das erste Set schloss mit einem überragenden One of these days ab, für mich die beste Version der späten Pink Floyd mit schönen, psychedelischen Effekten im Mittelteil (die Version auf der High Hopes Single dürfte von diesem Abend sein), die erneut den Boden unter uns zum Beben brachte. Während Sorrow war es auch dunkel geworden, so dass die Licht- und Feuerwerkseffekte jetzt ihre volle Wirkung entfalten konnten. Die Schweine waren an dieser Stelle fast überflüssig, fand ich.

Das erste Set hat natürlich reichlich Anlass zu Spekulationen in der Pause über den weiteren Konzertverlauf gegeben. Noch immer kam mir die Dark Side– Variante nicht in den Sinn, nicht einmal, als minutenlanges, markerschütterndes Herzklopfen aus den Boxen hinter uns erklang. Das hielt ich zuerst für die Fortsetzung des zu Beginn abgespielten Tapes (ich glaube, auf dem DSOT- Video wird das zweite Set auch so eingeleitet!?). Erst als weitere Effekte wie Kassenklingeln und die Stimmfetzen dazu kamen, wurde mir klar, dass der 2. Teil wohl mit Breathe anstatt dem von mir mit Spannung erwarteten Astronomy Dominebeginnen würde. Mir ist noch sehr gut in Erinnerung, wie die einzelnen Effekte von Speak to Me durchs Stadion schwirrten, sich mehr und mehr steigerten, während uns der unerschütterlich monotone Herzschlag aus dem Lautsprecherturm hinter uns vibrieren ließ und dann alles mit dem ersten Akkord von Breathe in sich zusammenbrach.

Ich brauchte bis Time, um zu erkennen, dass sie Dark Side komplett spielen würden. Höhepunkte waren dabei für mich komischerweise die Songs, die ich bis dahin zu Hause am ehesten mal übersprungen habe, wie On the run, Great Gig oder Any Colour. Beeindruckend war, wie nicht zuletzt diese Songs, aber auch die ganzen Stimm- und Gelächterfetzen, die wegen unseres Standortes besonders hervortraten, das ganze Album zusammenhielten und dadurch selbst in dem riesigen Stadion eine merkwürdig mystische Atmosphäre geschaffen haben. Außerdem zeigte natürlich die Quad- Anlage hier, was in ihr steckt.

Nach Dark Side hatte ich mich damit abgefunden, Astronomy Domine nicht zu hören, befürchtete aber auch, auf Wish you were here, Comfortably numb und Run like hellverzichten zu müssen. Dem war zum Glück nicht so, alle drei folgten natürlich noch als Zugabe. WYWH wurde von den 65.000 Besuchern dankend aufgenommen und mitgesungen, CN war mit dem nicht enden wollenden (und sollenden!) gilmourschen Solo und der riesigen Spiegelkugel, die sich aus dem Mixerturm in der Mitte des Stadions erhob, der Höhepunkt überhaupt und bei RLH wurden licht- und soundmäßig noch mal alle Register gezogen. Nachdem zum Abschluss des bombastischen Licht- und Feuerwerksgewitters Mr. Screen explodierte, war der Spuk vorbei. Ich hätte an dieser Stelle gerne noch einen ruhigeren Song zum Ausklang gehört. Ich fand immer, dass man mit RLH nicht nach Hause gehen kann. Aber alles Bitten und Betteln half nichts, kurz nachdem Daveund Co die Bühne verlassen hatten, begannen die Roadies schon mit der Räumung des Innenraums.

Im Nachhinein bin ich mehr als froh, das einzige DSOTM- Konzert in Deutschland (ich glaube, eines von maximal 5 auf dem europäischen Festland!? – Das erste seit München 73!) erlebt haben zu dürfen, wenn ich auch damals Astronomy und Hey you vermisst habe. Die Setlist blieb auf dieser Tour wegen der ungewöhnlichen Reihenfolge und Kürzung im 1. Set einzigartig. Die Lightshow war ab Einbruch der Dunkelheit überragend. Ich muss zwar sagen, dass die Jahre später folgenden Waters- Konzerte, die mit wesentlich schlichteren Mitteln auskommen, nicht weniger beeindruckend waren, gerade auch seine Umsetzung von Dark Side. Aber was Stadion- Rock angeht, ist dieses Show vor allem wegen der Atmosphäre im 2. Set für mich bis heute unerreicht. Dagegen habe ich mich bei anderen großen Namen wie den Stones oder The Police schlicht gelangweilt, einzig U2 konnten annähernd eine vergleichbare Stimmung schaffen.

Einen ebenbürtigen Sound habe ich nur noch bei PF- Solokonzerten erlebt, und das in wesentlich kleineren Hallen. Die befürchteten Ohrenschmerzen blieben gänzlich aus, trotz unserer ungünstigen Position. Nachteilig an dieser war allerdings, dass wir einige der Surroundeffekte „zu früh“ gehört haben, da der Sound natürlich auf den Innenraum bezogen abgemischt war. Das führte hier und da, z.B. bei Another Brick, zu einem großen Durcheinander, weil die Signale aus den Frontlautsprechern eben später bei uns ankamen als die hinteren.

Trotz allem blieben leider auch die negativen Aspekte eines Stadionkonzertes nicht verborgen. Abgesehen davon, dass man natürlich auf das Wetter wenig Einfluss hat, war halt doch eine Vielzahl von Leuten da, die nur Brick und Money kannten oder vornehmlich einen Anlass zum Biertrinken gesucht haben. So musste auch unser Busfahrer auf der Rückreise ein paar mal halten, um dem ein oder anderen die Möglichkeit zum oralen Alkoholabbau zu geben – und trotzdem war es ein Halt zu wenig.

Trotzdem: Ich würde wieder hingehen…

Setlist:

  • Shine on 1-5
  • Learning to fly
  • Take it back
  • Sorrow
  • High hopes
  • Keep talking
  • Another brick 2
  • One of the days
  • Dark side of the moon
  • Wish you were here
  • Comfortably numb
  • Run like hell