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Es ist dieser Augenblick der so entrückt und berührend ist. Der kurze Moment des Innehaltens, der Stille, das Piano seufzt melancholisch, die Gedanken und Gefühle umarmen dich und doch scheint alles flüchtig, rauscht an dir vorbei, dreht sich unaufhörlich, raubt dir den Verstand, dem Himmel nah………sometimes.

Riding on that ferris wheel/A chair up in the sky/Riding on that ferris wheel/Well I lose my mind …..sometimes  (aus „Ferris Wheel“)

Wer kennt das nicht!

„Singing Saw“, das kürzlich veröffentlichte dritte Album von Kevin Morby, neigt sich dem Ende, als er  mit „Ferris Wheel“, einem der schönsten Songs der Platte und schier erdrückender Emotionalität, eine Ausdrucksform in Wort, Stimme und atmosphärischer Dichtheit schafft, die seither sein musikalisches Schaffen durchzieht jedoch hier seinen künstlerischen Höhenpunkt findet.

Sicher, der Song steht in seiner Schlichtheit und seinen wunderschönen Klavierakkorden für sich auf dem Album und doch fängt er die musikalische Grundstimmung des Werkes sehr gut ein.

Mit „Cut Me Down“,Drunk and On a Star“, „Destroyer“ und „Black Flowers“ verdichtet sich diese und zusammen mit den überragenden Rockern  wie „Dorothy, „I´ve been to  the Mountain“  wird die große Stärke des Songwriting auf dem Album deutlich, welches klassische Folkinstrumentierungen mit Elementen des Rock/Pop eindrucksvoll verbindet. „Water“ als  Albumcloser unterstreicht das eindrucksvoll.

Ein Meisterwerk.

SKY

Seine Songs spiegeln Verlust, Trauer und Ohnmacht wieder. Sie erzählen von Leid und Freude, von Liebe und Tod, von Träumen und Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen. Von Ängsten. Diese Lebensthemen hüllt Kevin Morby in wundervolle Texte denen eine metaphorische und mystische Wucht eigen ist. Seine warmherzige und gereifte Stimme stellt hierzu den wohltuenden Gegensatz dar, der den schweren Themen  eine liebevolle Note verleiht.

Birds will gather at my side/Tears will gather in my eyes/Throw my head and cry/As vultures circle in the sky (aus „Cut me down“)

Wer kennt das nicht?

In vielen seiner Texten orientiert er sich offenbar an den Vier Elemente des Seins, die Ihre Anfänge in der griechischen Philosophie haben und  bis heute in viele Lebensbereiche wirken ( Psychologie, Kunst ). Feuer, Wasser, Luft und Erde sind immer wiederkehrende Bezüge in seinen Songs, denen er sich bedient, um seine Gefühle und Gedanken und seine Fragen an das Leben niederzuschreiben.

I sing who is my creator/Not my mother/Nor my father/But before the universe burst/wide open/If you find water/ please call my name/Put me out like a fire/ cover me in rain (aus „Water“)

Das Album wurde von Sam Cohen in Woodstock, NY produziert und aufgenommen und den Drums, dem Bass und den Gitarren wurden Streicher, Saxophon, Klavier, Flöte, Trompete, Effekte, uvm. beigefügt und das Ganze ist von Cohen so wunderbar gerahmt worden.

Der  Sprung in die großen Musikblätter, Online Medien und Radiostationen war Kevin Morby gewiss und das Album wurde landauf landab  positiv besprochen und hochgelobt.

Zurecht.

FIRE

Die Vorfreude auf das Konzert war somit groß und der Sigge Rocktours Express war gespannt, wie das Album (und die Songs seiner ersten beiden Platten) im Lido umgesetzt werden.

Die Konzerte in der sehr kleinen Hamburger Hasenschaukel und dem nicht viel größeren Antje Oeklesund noch in bester Erinnerung, kann die  Buchung des Lido (ca. 600 Besucher) vom Veranstalter Puschen als durchaus mutig bezeichnet werden, jedoch sollte sich zeigen, dass das mit Bedacht und großer Kenntnis getan wurde.

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Die erprobte Kevin Morby Live Group mit Justin Sullivan (Drums) und Meg Duffy (Gitarre) ist 2016 um Cyrus Gengras am Bass ergänzt worden.

Der 9. Mai war ein sonniger Tag und steckte voller Überraschungen. Vor dem Konzert konnte ich noch  Kevin treffen und wir wechselten ein paar nette Worte und ich überschlug mich mit meiner Begeisterung für sein aktuelles Album und er signierte mir meine „Still Life“ LP und dann entschwand er in den Backstagebereich.

Im schicken grauen Anzug, Bolotie und seiner roten Jaguar Fender kam Kevin Morby mit seiner Band kurz nach 22 Uhr auf die Bühne des fast ausverkauften Lido.

Mit „Cut Me Down“, dem ersten Song von „Singing Saw“, wurde der Abend eröffnet.  Sanft und unverwechselbar erklang seine Stimme, die Bühne in dunkles, schweres Rot gehüllt, die Instrumentierung der Band reduziert und die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehend. Gespenstische Stille im Lido. Toll!

„Looking for a fire/I’m looking to burn/Looking for the water/For the water I wake/Looking for the dance/Or the dance that I did/Looking for the dead/The dead that I left  (aus “Cut Me Down“)

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MOUNTAIN

„Dorothy“ und „Harlem River“ brachen diese Stille auf.  Statt „Kammerpop“ wie in Hamburg, fegte ein Rockkonzert durchs Lido. Großartig! Justin Sullivan an den Drums trieb seine Mitstreiter voran und der Bass bildete durchgängig den kraftvollen Rhythmusrahmen (der im Antje Oeklesund durch Meg Duffy im Wechsel Git/Bass  erfolgen musste).

„Ive Been to the Mountain“ fehlte ein wenig die fesselnde Wirkung die es auf dem Album mit dem großartigen „Mariachi-Sound“  und dem Chor entfaltet und mit „Miles, Miles, Miles“ und „ Singing Saw“  bespielte die Band das Lido in unverwechselbarer Weise die Freude bereitet, wenngleich das anschließende „Destroyer“ „2 Takte“ schneller gespielt wurde und die Lieblichkeit der Album Version ein wenig verlorenging.

Kevin, der durch seine „stakkatohaften“ Bewegungen vom/zum Mikro wie wild die Bühne in Bewegung hielt, machte deutlich, welche Freude er an den Rocksongs hat um kurz danach wieder vollkommen bei sich zu sein und allein und voller Hingabe und Eindringlichkeit die langsameren Stücke zu singen.

„Black Flowers“ war ein solcher Moment, als er-entgegen der Albumversion- allein mit Gitarre das Lido an sich fesselte und den Song zu einem wahren Höhepunkt des Abends  machte.

Dem schloß sich eine berührende Cover Version von Townes Van Zandt´s  „No Place To Fall“ an, die mit seinem künstlerischen Schaffen großartig verflochten wurde.

If I had no place to fall/ And I needed to/ Could I count on you/ To lay me down?  

Absolute Stille im Lido. Fantastisch. Ein Moment für die Ewigkeit.

Es gelingt Kevin einen Saal von 600 Besuchern zur absoluten Ruhe „zu zwingen“ und seinen Songs zu lauschen. Das ist sehr beeindruckend und zeigt, was er und seine Musik für eine Präsenz und Kraft haben.

Mit dem wundervollen „Parade“ (wenngleich das Outro umarrangiert wurde und das Bill Fay Intro fehlt) kam die gesamte Band zurück und mit einer atemberaubenden Version von „The Ballad of Arlo Jones“ beendete die Band mit einem Feuerwerk das Konzert und das frenetisch applaudierende und begeisterte Publikum war buchstäblich außer Rand und Band.

Das Herz pochte. Die Gedanken flirrten umher. Ist das alles wahr?

WATER

Zum letzten Song des Abends „Water“ kam Kevin zunächst ohne Band auf die Bühne und sang die erste Strophe

„And my old heart was pounding/ for the devil had found me/Trapped me in a corner of my mind/And my legs were both shaking/From the pain they’d been taking“ (Auszug)

bevor mit dem „bedeutungsschwangeren“ Refrain von „Water“ die Band komplett einstieg und der Song diesen Abend krönte.  Ein tolles Finale.

Lächeln. Freude. Begeisterung.

DREAMS

Kevin Morby und seine Live Band schaffen es,  ein fulminantes „Rockbrett“ in großen Sälen zu spielen und trotzdem den Kern des „Morby Sounds“ (Folk, Pop- Instrumentierungen) nicht in den Hintergrund zu pressen.

Schön war auch, dass er, der mitunter etwas „entrückt“ wirkt,  auch im Lido im engen Kontakt mit dem Publikum war, scherzte, seine Berlin Anekdoten zum Besten gab und seine Begeisterung für die Pixies preisgab. („Pixies forever“).

Ob Kevin allein mit Gitarre, nur mit Justin am Schlagzeug oder mit voller Band- alles ist in Zukunft möglich. Und noch viel mehr.

Toll wäre noch, wenn eine Synth/Piano/Streicher Ergänzung mögliche wäre (Kosten!) und er die wunderbaren Songs („Slow Train“, „Ferris Wheel“, „Drunk and On a Star“, u.a.) auch spielen könnte.  Das er auf „Wild Side“ vom Debüt bisher verzichtet hat, ist schade aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Danke Kevin für den schönen Abend und deine persönliche Verabschiedung nach dem Konzert. Hugged!

Bis zum nächsten mal!

Have you heard my guitar singing/As it rises from the earth/And the company it’s bringing/Is beautiful and nothing worse (aus „Drunk and On a Star“)

Setlist:

01. Cut Me Down
02. Dorothy
03. Harlem River
04. All of My Life
06. Destroyer
07. I Have Been to the Mountain
08. Tiny Fire (New song)
09. Miles, Miles, Miles
11. Singing Saw
12. Black Flowers
13. No Place to Fall (Townes van Zandt)

Encore 1:

  1. Parade
  2. The Ballad of Arlo Jones

Encore 2:

  1. Water