Mit Ihrem letzten Song im Hauptteil des Abends „This is Who I`am“ brachte es Celeste auf den Punkt:

For only you may ever see me true
So only you can tell them this is who I am
This is who I am.

Zerbrechlich, mit einem Hauch von Melancholie in ihrer unverwechselbaren Stimme, öffnete sie mit diesem Song ihr Herz und streckte ihrem Publikum die Arme entgegen. Die Botschaft schien klar: Akzeptiert und respektiert mich so, wie ich bin.

Doch springen wir gut zwei Stunden zurück.

Mit dem Kinks-Klassiker „Lola“ aus dem Jahr 1970 begann der Abend – allerdings vom Band. Schon das überraschte. Der wohl größte Hit der Kinks galt seinerzeit als umstritten und wurde von der BBC zeitweise aus dem Programm genommen. Der Grund war allerdings nicht die Zeile, in der sich die „dunkelhäutige Schönheit“ als Mann entpuppt, sondern die Nennung von „Coca-Cola“, die als unerlaubte Produktplatzierung gewertet wurde.

Warum ausgerechnet dieser Song als Auftakt gewählt wurde, bleibt offen. Schließlich wird „Lola“ heute mitunter auch heute kritisch diskutiert und von einigen als transphob interpretiert. Ob diese Debatte bei der Auswahl eine Rolle spielte oder ob allein die musikalische Bedeutung des Stücks ausschlaggebend war, ließ sich an diesem Abend nicht erkennen.

Das Tempodrom war gut gefüllt, wenn auch nicht ausverkauft. Auffällig war die heterogene Altersstruktur des Publikums. Hier trafen sich Menschen, die mit den Platten von Aretha Franklin und Nina Simone aufgewachsen sind, ebenso wie jene, die Amy Winehouse oder Sade zu ihren musikalischen Bezugspunkten zählen (und womöglich Ihre LP´s im Plattenschrank haben) – und nicht wenige dürften all diese Künstlerinnen gleichermaßen schätzen.

Die gespannte Erwartungshaltung im Saal war deutlich zu spüren. Auch die eine oder andere Hintergrundunterhaltung, der man unfreiwillig lauschen durfte – oder musste –, ließ keinen Zweifel daran, dass sich viele auf einen besonderen Abend freuten.

I´m not Your Muse

Celeste stürmte die Bühne nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sondern um sie offenbar einzureißen. Statt der erhofften Soul- und Jazzballaden eröffnete sie den Abend mit einem furiosen Set aus überwiegend weniger bekannten Songs.

Angetrieben von einer kompromisslos nach vorn drängenden Band entlud sich eine gewaltige Klangwand aus treibenden Drum-and-Bass-Rhythmen. Dagegen musste Celeste mit aller Kraft ansingen – und sie tat es überwiegend. Ihre Stimme stemmte sich gegen die instrumentale Wucht, auch wenn es dem Publikum mitunter schwerfiel, den komplexen Songstrukturen zu folgen.

Von gefälligen Melodien keine Spur. Die Stücke lebten von Brüchen, Spannungen und unerwarteten Wendungen. Das war kein Wohlfühl-Soul, sondern ein mutiges, kantiges “Rockbrett”.

Eine “volle Breitseite” und ein „Schlag ins Gesicht“ für all jene, die von Beginn an auf die vertrauten Soul- und Jazzballaden gehofft hatten.

Schade nur, dass der Sound zu Beginn dieses Abends dem erwarteten Anspruch nicht gerecht wurde. Die Abmischung blieb stellenweise undurchsichtig und zu laut. Dazu kam ein Lichtkonzept, das überwiegend in diffusem Dunkel sowie harten Schwarz-Weiß-Kontrasten verharrte. Das verstärkte die „rohe“ Intensität des Auftritts.

Trotzdem setzte Celeste gleich zu Beginn ein unmissverständliches Zeichen: Dieser Abend würde nicht nur ein gefälliger Rückblick auf ihre bisherigen Erfolge werden, sondern ein künstlerisches Statement. Vielleicht war dieser kompromisslose Auftakt sogar Ausdruck ihres Bestrebens, aus der Schublade der „gefühlvollen Soul- und Jazzsängerin“ auszubrechen. Als wolle sie dem Publikum zurufen: „Seht her, auch das bin ich.“

Passenderweise trägt ihr Debütalbum den Titel I’m Not Your Muse. Ein Satz, der an diesem Abend beinahe wie ein Manifest wirkte. Celeste verweigerte sich den Erwartungen, die viele an sie herantragen, und präsentierte stattdessen eine Künstlerin, die sich nicht auf eine Rolle oder die Projektionen ihres Publikums reduzieren lassen möchte.

People always Change

Doch der Funke wollte zunächst nicht überspringen. Die erste halbe Stunde blieb geprägt von einer spürbaren Distanz zwischen Bühne und Publikum. Immer wieder verließen Besucher den Saal – manche demonstrativ, andere mit hängenden Schultern, als hätten sie sich an diesem Abend etwas völlig anderes erhofft.

Celeste schien diese Reaktionen wahrzunehmen. Zwischen den Songs fragte sie mehrfach ins Rund: „Are you okay?“ oder „Can you hear me?“ Es wirkte weniger wie eine routinierte Publikumsansprache als wie ein vorsichtiges Abtasten der Stimmung im weiten Rund des Tempodrom. Ich nahm eine Verletzlichkeit in ihrer Stimme wahr, die mich berührte.

Mit „On With The Show“, dem Opener ihres zweiten Albums “Woman of Faces”, (sic) nahm das Konzert nach rund dreißig Minuten eine andere Richtung. 

Ja, es ging weiter – und wie.

Spannend war zu erleben, wie Celeste den Song neu arrangiert hatte. Das Publikum erkannte ihn zunächst kaum, doch als die ersten vertrauten Konturen sichtbar wurden, machte sich Erleichterung breit. Der Applaus wirkte warm und zugewandt. Zum ersten Mal an diesem Abend schien es eine Verbindung zwischen der Bühne und dem Saal zu geben.

Keep Smiling

Von da an ist der Abend im Grunde schnell erzählt. Celeste spielte viele ihrer bekannten Songs und zeigte dabei jene außergewöhnliche stimmliche Bandbreite, die sie zu einer der faszinierendsten Sängerinnen ihrer Generation macht. Die Arrangements wurden luftiger, die Instrumentierung zurückhaltender. Endlich bekamen die Songs Raum zum Atmen – und mit ihnen ihre Stimme. Was zuvor unter der Wucht der Band verborgen geblieben war, entfaltete nun seine ganze Schönheit.

Für all jene, die geblieben waren, öffnete sich nun genau jener musikalische Raum, für den Celeste geliebt wird. Das Tempodrom wurde zunehmend still. Nicht aus Zurückhaltung, sondern aus Aufmerksamkeit. Toll!

Ein herausragendes „Lately“, gefolgt von einem der vielen Gänsehautmomente dieses Abends: „Time Will Tell“. Allein dafür hatte sich das Kommen gelohnt. Jeder Ton saß. Ihre Stimme war zugleich präzise und überwältigend kraftvoll, ihre Präsenz war einnehmend. In diesem Moment musste ich daran denken, wie es wohl wäre sie nochmals in einem intimeren Rahmen erleben zu dürfen. (wie damals im Huxleys 2019)

Auch „Both Sides Of The Moon“ klang an diesem Abend schöner denn je. Der trockene Rimshot der Snare war plötzlich glasklar zu hören und trug den Song behutsam voran. Nichts arbeitete mehr gegeneinander. Stimme, Band und Raum fanden endlich zusammen und wurden zu einer Einheit.

Bei „Women of Faces“ (Song) war das Publikum sozusagen „außer Rand und Band“. Während des Songs kam es zu Beifallsstürmen. Großartig.

Celeste hatte den Saal zurückgewonnen. Die anfängliche Skepsis war einer spürbaren Bewunderung gewichen. Als sie sich beim Berliner Publikum für dessen Geduld und Respekt bedankte – „patient and respectful“ –, klang das nicht wie eine der üblichen Floskeln. Es wirkte wie die ehrliche Anerkennung einer Künstlerin.

Mit „Strange“ als Zugabe verabschiedete sich Celeste von ihrem Publikum. Würdevoll.

Nach all den Erlebnissen dieses Abends wirkte dieser letzte Song wie ein stiller Schlusspunkt. Keine große Geste, kein Triumphzug – vielmehr ein Moment der Einkehr.

This is Who I Am

Am Tag danach rauschte es gewaltig im Blätterwald und in den Kommentarspalten. Zwischen „Ich will mein Geld zurück“ und „Das schlechteste Konzert, das ich je erlebt habe“ fanden sich auch differenziertere Stimmen, die versuchten, den Abend in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu betrachten

Ich kann diejenigen verstehen, die sich Sorgen um Celeste machen.

Auch an diesem Abend war der Schatten von Amy Winehouse spürbar – der Blick der Öffentlichkeit auf eine außergewöhnlich begabte Künstlerin: mit Bewunderung, hohen Erwartungen und einer Sorge um ihr Wohlergehen.

Doch vielleicht wird man diesem Abend gerechter, wenn man ihn nicht als Beleg für ein Scheitern betrachtet, sondern als Dokument einer Künstlerin auf der Suche. Einer Künstlerin, die bereit ist, Irritationen auszuhalten. Manches wirkte unfertig, manches sperrig. Aber gerade darin lag auch eine bemerkenswerte Ehrlichkeit.

Am Ende blieb für mich nicht der schwierige Auftakt in Erinnerung, nicht die Menschen, die den Saal verließen, und auch nicht die Empörung des nächsten Tages. Was blieb, war die Stimme. Diese einzigartige Stimme. Und die Momente, in denen sie den Raum vollständig für sich einnahm. Dafür hat sich dieser Abend gelohnt.

Finde deinen Weg der dich als Mensch und Künstlerin stärkt.

Ich wünsche ihr das von Herzen!

Du bist gut genug

„This is Who I Am“.