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Arne, Henning & Tom on Tour - Konzerttagebuch

Das fliegende Kraftwerk – Roger Waters US + THEM Tourauftakt in Hamburg

Deutschlandauftakt der US+THEM Tour von Roger Waters in Hamburg. In der ausverkauften Barclaycard-Arena sah das SRT-Team das erste von vier Konzerten der aktuellen Tour. Vor der Halle wurden Flyer verteilt, die auf der einen Seite das neue Waters Album bewarben und auf der anderen Seite David Gilmours letztes Live-Album. Willkommen im Konsumland, die Grabenkriegen der Anhänger der einzelnen Lager finden hier offenbar nicht statt.

Das Konzert startet faktisch um 20 Minuten nach Acht mit einer soliden Version von Speak to Me und Breathe. Mit One of These Days folgt ein Setlist-Knaller, mit dem man vor den 2016er Mexico- und Desert Trip Konzerten von Waters nie gerechnet hätte. Uns klingt noch die majestätische Pompeii Version vom Kollegen Gilmour im Ohr.

Roger Waters Hamburg 14.05.2018

Wo einen unter neapolitanischem Abendhimmel Mr. Screen optisch aufputschte, übernimmt dies heute Abend die riesige LED Wand mit psychodelisch verfremdeten  Filmschnipseln, getrieben von Rogers prägnantem Bass-Spiel. Das dominante Slide-Solo des Kollegen aus Brighton nimmt in dieser Version eine untergeordnete Stellung ein. Macht nix, hat trotzdem Spaß gemacht, ebenso wie Welcome To The Machine.

Roger Waters Hamburg 14.05.2018

Mit Déjà Vu, The Last Refugee und Picture That folgen nun drei Songs vom neuen Album. Großartig, noch viel bewegender als auf dem Album. Hier legt Roger sein Herz rein. Ich könnte das komplette Album am Stück live von ihm hören.

Freudiges Aufjauchzen in den Reihen um uns herum beiden ersten Akkorden von Wish You Were Here. Endlich wieder etwas Bekanntes. Dafür sind die meisten Leute hier nun mal gekommen. Ich allerdings nicht zwingend. Genauso wie auf Time könnte ich auf WYWH verzichten. Dieser Version bringt nichts Neues, ein ewiggleich runtergenudelter (Pflicht-)Crowdpleaser. Ich muss hier auch an den armen Jon Carin denken, der vermutlich nur Comfortably Numb öfter live gespielt hat und dabei maximal von den australischen Cover-Knechten übertroffen wird.

Roger Waters Hamburg 14.05.2018

Umso mehr überraschte mich, wie sehr mir die Versionen von The Happiesd Days of Our Lives und Another Brick in the Wall gefallen haben. Die Kinder aus einer lokalen Schule, heben den Song in der Form tatsächlich beeindruckend auf eine andere emotionale Ebene. Erst stehen sie still und stumm in Guantanamo-Anzügen mit schwarzen Säcken über dem Kopf auf der Bühne, bis sie sich befreien, die Gefängniskluft herunterreißen und zum Klassiker auf der Bühne tanzen. Wirkt immer noch.

Roger Waters Hamburg 14.05.2018

In der anschließenden Pause Flimmern Statements über den Bildschirm, die zum Widerstand gegen Antisemitismus, Profit aus  Waffenverkäufen, einer Konfrontation mit dem Iran nd vieles mehr aufrufen.

Ein großartiger theatralischer Akt eröffnet den zweiten Teil der Show. Seinetwegen haben wir uns nicht nur für dieses Konzert Plätze in der Hallenmitte auf den seitlichen Tribünen besorgt. In einem fließenden Übergang von den projizierten Statements auf dem Hauptschirm, der zuletzt auffordert „RESIST DOGS“, schwillt ein Soundteppich an. Unter mächtigem Getöse senkt sich eine bis dahin gut verstecke Konstruktion von der Hallendecke herab. Rote Rundumleuchten tauchen die Halle in ein bedrohliches Rotlicht.

Roger Waters Hamburg 14.05,2018

Unter Donnergrollen erheben sich zuerst die markanten Schornsteine der Battersea Power Station über den Köpfen der Innenraumzuschauer. Dann erwächst das komplette ikonische Kraftwerk aus dem Nichts in der Hallenmitte. Ein überwältigender Effekt.

U2 haben 2015 auf ihrer iNNOCENCE  + eXPERIENCE  – Tour zum ersten Mal eine LED Wand in der Hallenmitte eingesetzt und wiederholen dies auf der aktuellen eXPERIENCE  + iNNOCENCE  – Tour auch. Ein genialer Schachzug, denn so hat man in einer Halle viel mehr gute Plätze. Lediglich die Plätze gegenüber der Bühne sind jetzt etwas schlechter gestellt.

Waters setzt mit seinem Creative Director Sean Evans  im Gegensatz zu U2 statt LED Wänden auf Projektionen und aufrollbare Leinwände und erzielt dadurch meiner Meinung nach deutlich spektakulärere Effekte als U2.

Die Animals Sektion des Konzertes beginnt. Ein großartiger Abschnitt mit dem bekannten Trump-Gebashe und dem fliegenden Schwein.

Werner konnte in Zagreb wenig mit der Version von Money anfangen.  Das mag an seiner Position in den ersten Reihen unter den Bildschirmen gelegen haben, von der er aus primär die Band bei der Arbeit sehen konnte. Von unserer Position aus zeigte sich ein optisches Spektakel der sich bewegenden Screens, das den Song sehens- und hörenswert macht.

Us and Them überrascht mich mit seiner bildgewaltigen visuellen Ausgestaltung. Auch ein Song, der an diesem Abend unerwartet passte – ist ja schließlich der Titelsong der Tour.

Roger Waters Hamburg 14.05.2018

Mit Smell the Roses folgt der vierte und letzte Song aus dem aktuellen Album. Wieder sehr gut, sehr bewegend.

Brain Damage und Eclipse schließen das zweite Set mit einer gewaltigen Laserpyramide ab. Fußnote: Die fliegende Kugel blieb heute im Hangar. Ich hab sie erstmal nicht vermisst, hoffe sie aber auf einem der nächsten Konzerte zu sehen.

Roger Waters Hamburg 14.05.2018

Vor den Zugaben wurde es dann nochmals politisch. Roger erklärte seine Position zur BDS-Kampagne, unterstrich wie sehr er Antisemitismus verabscheut und dass seine Kritik an der Israelischen Regierung rein gar nichts mit Glauben zu tun hat. Dass die Angelegenheit kontrovers diskutiert wird, ist ihm klar und er hält es auch für legitim, dass diskutiert wird. Dabei zeigte er sich durchaus über die aktuelle Situation und Diskussion um das BDS –Movement in Deutschland  informiert, z. B. über die knappe Abstimmung des Studierendenrats der Uni-Heidelberg zur BDS-Kampagne.

Der geplante Höhepunkt zum Abschluss wurde leider zu einem Tiefpunkt. Die Comfortably Numb – Version von Rogers Band auf dieser Tour stellt für mich eine der schwächsten Darbietungen des Abends dar. Roger wedelt mit den Armen und versucht das Publikum zum Mitwedeln zu bringen, wie es sonst nur Florian Silbereisen im ZDF-Fernsehgarten schafft. Etwas mehr Würde hat dieser Song verdient. Die Kinderstimme von Jonathan Wilson passt nicht zum Song, sie ist seelenlos und meilenweit von dem entfernt, was passiert wenn ein David Gilmour an dieser Stelle ans Mikro tritt, wobei ich normalerweise nicht der „an den Meister kommt keiner ran“-Fraktion angehöre. Mit dieser miesen Vorlage scheitert dann auch David Kilminster für mich beim Solo. Nicht, dass es schlecht gespielt ist. Vermutlich habe  ich einfach zu oft die für mich bessere Version von Gilmour gehört.

Roger Waters Hamburg 14.05.2018

Auf meiner persönlichen „Kill your Darlings“-Liste stehen Time, The Great Gig in the Sky, Wish You Where Here und vermutlich sogar Comfortably Numb.  Wenn er diese Songs durch mehr Material aus seinem aktuellen Album oder das zauberhafte Fearless, das es 2016 unerwartet in die Setlist geschafft hat, ersetzen würde, wäre der Abend für mich perfekt – vermutlich würden dann aber deutlich weniger Tickets verkauft werden als die 16.000, die für diesen Abend unter das Nostalgievolk gebracht wurden.

 

Set 1:

  1. Speak to Me (Intro)
  2. Breathe
  3. One Of These Days
  4. Time
  5. Breathe (Reprise)
  6. The Great Gig in the Sky
  7. Welcome To The Machine
  8. Déjà Vu
  9. The Last Refugee
  10. Picture That
  11. Wish You Were Here
  12. The Happiest Days of Our Lives
  13. Another Brick in the Wall (Part 2)
  14. Another Brick in the Wall (Part 3)

 

Set 2:

  1. Dogs
  2. Pigs (Three Different Ones)
  3. Money
  4. Us and Them
  5. Smell the Roses
  6. Brain Damage
  7. Eclipse
  8. Mother
  9. Comfortably Numb

1 Kommentar

  1. Interessanter und gut geschriebener Kommentar, dem oft aber natürlich nicht immer zustimme. Alles ist ja bekanntlich persönliche Geschmackssache und jede/r enpfindet anders, denn auch ich war sowohl hier, wie auch in Pompeii (Gilmour) dabei und freue mich noch auf Waters in Berlin und Köln!
    Aber … dass Waters auf einige alte Titel zugunsten der neuen Scheibe lieber hätte verzichten sollen, finde ich auch. Die alten kennen wir zur genüge und das neue Album ist (meiner Meinung nach) zu kurz gekommen. Floydige Grüße von Hajo

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