Peter Gabriel Bberlin 2013 o2 Arena

Am 19. Oktober gastierte Pater Gabriel mit seiner „Back To Front : So“ -Tour in der Berliner O2-Area. Dabei wurde das nunmehr bereits 27 Jahre (zu Beginn der Tournee waren es wohl 25 Jahre) alte Album „So“ in voller Länge und in Originalbesetzung zur Aufführung gebracht. Auf dem Weg zu Halle fragten wie uns, wann und wie das eigentlich angefangen hat, dass Musiker, die ihre künstlerisch besten Tage wohl hinter sich haben, ihre erfolgreichsten Werke in voller Länge wiederaufführen und sie somit selbst quasi zum klassischen Werk adeln?

Ja, richtig – Pink Floyd hatten 1994 im Rahmen Ihrer „Division Bell“-Tournee nicht etwa das aktuelle Album, sondern „Dark Side of the Moon“ in bei voller Länge ins Programm aufgenommen, wenn auch nicht bei jedem Konzert und auch ohne Vorankündigung. (Damals war „Dark Side“ gerade mal 21 Jahre jung!). Somit waren die Floyd -wie früher so oft- Ihrer Zeit voraus – wenn auch in diesem Fall in einer eher retrospektiven und „das-Erbe-verwaltenden“ Disziplin. Seit einigen Jahren ist es in Mode gekommen, das Bands und Künstler ganze Alben oder gar Alben-Zyklen konzertant wiederaufführen. Dass Roger Waters ebenfalls „Dark Side of the Moon“ und „The Wall“ am Stück serviert, Lou Reed sein „Berlin„-Album oder The Who „Quadrophenia“ ausgraben, liegt da noch vergleichsweise nahe. Dass auch alternative Bands wie Sonic Youth „Daydream Nation“, die Flaming Lips „The Soft Bulletin“ oder The Cure ihre Triology aufführen ist da schon eher bemerkenswert. Kraftwerk machen es-wie immer- überaus konsequent und stellen ihren Gesamt Katalog im Rahmen einer reisenden performativen Kunstinstallation aus. Es kommt wie es kommen musste: Die Popmusik von (vor-)gestern ist die Klassik von heute.
Nun also auch Peter Gabriel: Der bewegte sich ja im Laufe seiner etwas seltsamen Karriere zwischen Kunstschulrock, Pop, Avantgarde und Worldmusic. „So“ ist wohl sein poppigsten, kommerziellstes und bekanntestes Werk. Die großen Hits daraus spielt er seit Jahren auch immer live, so dass er sein Konzertprogramm für diese Tour nur um einige Songs erweitern musste. Eine sehr schöne Geste ist die Wiederbelebung der damaligen Band, wobei Tony Levin und David Rhodes sieht jeher Stammpersonal bei Gabriel sind. Insbesondere toll war es, den sensationellen Schlagzeuger Manu Katche live zu sehen. Die Reihenfolge der Songs wurde im Vergleich zum Original-Album etwas verändert, so dass das hymnische „In Your Eyes“ den Haupteil des Konzertes abschloss (Ebendort oder im Zugabenteil wird es seit den frühen Neunzigern eh immer spielt). In seiner langen, auf deutsch vorgetragenen Einführung in den Abend erläuterter Gabriel, dass das Stück auf der Vinylplatte damals wegen der satten Bass-Spur nach vorne geschoben werden musste, weil die Rillen zum Zentrum der Schallplatte hin die fetten Tiefen nicht so gut wiedergegeben hätten. Interessant! Beim Altersdurschnitt in der Halle konnte sich Gabriel zumindest sicher sein, dass der Großteil seiner Zuhörer Besucher mit dieser Technologie sogar einmal vertraut gewesen ist.

Dem So-„Dessert“ hatte Gabriel zwei Gänge vorangestellt: ein Art Soundcheck bei eingeschaltetem Saallicht und mit akustischen Instrumenten und einer elektrischen Teil mit Greatest Hits. Dabei stachen für mich besonders „Family Snapshot“ und „The Family and The Fishing Net“ aus der frühen Solokarriere hervor. Aus dem Spätwerk wurden mit „Secret World“, „Come Talk to Me“ und „Digging in The Dirt“ routiniert dargeboten. Sogar die albernen Rumpelstilzchen-Tanzschritte der drei maßgeblichen älteren Herren ohne Haare glichen hierbei exakt denen auf den Tourneen seit 1993. Beim unvermeidlichen „Solsbury Hill“ hinkte Gabriel beim Gesange seinen Kollegen dann etwas hinterher – darf auch mal passieren. Zwei neue Stücke gab es auch noch – das eine noch ohen Text und in der Rohfassung, das andere, „Why dont you Show Yourself“, eine ruhige Ballade zu einem Filmsoundtrack, die mir gut gefallen hat.
Höhepunkte im „So“-Teil waren das im Liegen vorgetragene „Mercy Street“, und der knackige Opener „Red Rain“. Auch die etwas abgenudelte Nummer „Don‘t Give Up“ wurde ansprechend präsentiert, bei „Sledgehammer“ gab es Tonprobleme – im Intro fehlten die Bläser und ein knackenden Mikro war noch offen. „In Your Eyes“ wurde bereits erwähnt und gut gefallen hat mir noch „We Do What We’re Told (Milgram’s 37)“, ein etwas schräges und beängstigendes Stück, dass für mich an zu Gabriels Frühwerk anschließt. Den Rest der „So“ fand ich nicht so stark.
Bemerkenswert waren noch die Lichtkräne, die mit den Auslegern montierten Leuchten und von Menschen- bzw. Roadiehand geführt und bewegt das Bühnenbild bestimmten. Alles in allem ein runder Abend, mit einem guten Karriererückblick, bei dem Gabriels markante Stimme, die vielschichtigen Songs mit Einflüssen von Soul über Industrial bis afrikanischen Folk in ein stimmungsvolles Licht gesetzt werden – ein bisschen wie im Museum.

Als Zugaben gab es ein gewaltiges „The Tower That Ate People“ gefolgt vom großartigen Biko.

Spiegel Online über das Konzert

Acoustic session:
01 O But
02 Come Talk To Me
03 Shock The Monkey
04 Family Snapshot
Full band:
05 Digging In The Dirt
06 Secret World
07 The Family And The Fishing Net
08 No Self Control
09 Solsbury Hill
10 Why Don’t You Show Yourself?
So live:
11 Red Rain
12 Sledgehammer
13 Don’t Give Up
14 That Voice Again
15 Mercy Street
16 Big Time
17 We Do What We’re Told (Milgram’s 37)
18 This Is The Picture (Excellent Birds)
19 In Your Eyes
Encore:
20 The Tower That Ate People
21 Biko