Es hat diesmal ein paar Tage gedauert, bis wir dann die halbwegs korrekte Setlist des Jack White Auftritts in der Columbiahalle rekonstruiert hatten. Neben den großen Hits gab es eine wilde Blues-Garagenrock-Abfahrt mit einigen abseitigen Coverversionen. Ein Schwerpunkt lag allerdings auf neuem Material – den beiden aktuellen Singles aus einem kommenden Album und Auszügen aus der kompakten und furiosen 2024-iger Sammlung “No Name“.

Nach einer Reihe von Alben, die sich eher nicht so sehr in unsere Erinnerung eingeschrieben haben, hat Jack White mit besagtem “No Name” wieder deutlich zu alter Hochform zurückgefunden. Nicht, dass er an seinem künstlerischen Konzept groß etwas geändert hätte: Die Reduktion aufs Wesentliche ist hier der Schlüssel – sogar beim Godfather-of-Reduktion-aufs-Wesentliche scheint dieses abgenudelte Klischee noch zu gelten!

Die Columbiahalle war die perfekte Wahl für das Vorhaben. Nichts gegen die Uber-Eats Music Hall, in der die letzten White- bzw. Raconteurs-Shows stattgefunden hatten. Aber eine etwas kleinere Halle mit etwas mehr Rock’n’Roll-Charakter passte schon besser zu diesem konzentrierten Rockkonzert. White gastierte hier zuletzt 2003 bzw. 2005, als er noch mit seiner großen Schwester auf Tournee war. Die Älteren erinnern sich.

Wie zuletzt schon, durfte sich auch das Publikum mit einer Maßnahme zur Selbstdiziplinierung beteiligen und das Smartphone am Eingang in den Yondr-Beutel wegstecken. Ging reibungslos und fühlt sich durchweg gut an. Im Publikum entdeckten wir jemanden, der sich tatsächlich die Wartezeit mit dem Lesen in einem mitgebrachten Reclam-Buch zu überbrücken schien – was für eine schrille Idee!

Wie üblich eröffnete White das Konzert mit einem aufgekratzten Geschrammel und Geschraddel, um dann direkt mit dem tollen “That’s how I’m feeling” einzusteigen. Überhaupt wird die erste Konzerthälfte vom starken neuen Solomaterial getragen. Bluesrock is King und die Gitarrensoli jaulen schön und sind dabei nicht allzu lang. Mit dem zarten  “Love Interruption” vom ersten Soloalbum Blunderbuss und einem Kurzaufenthalt im “Hotel Yorba” gibt es kurze,  akustische Verschnauf- bzw. Mitsingpause.  Vom auch schon 20 Jahre alten “Raconteurs”-Debüt “Broken Boy Soldiers” gibt es den psychedelisch anmutenden Titelsong und “Top Yourself” vom Nachfolger. Das Konzert ist laut, wild  und abwechslungsreich. Ein Höhepunkt ist die Sequenz, in der “It’s Rough on Rats” mit Robert Johnsons “Stop Breaking Down Blues” und “Underground” zu einem wüsten Mississippi-Blues-Fiebertraum verwoben werden – getragen von Whites furiosem Slidegitarren-Spiel.

Mit “All Your Love (I Miss Loving)” erweist Jack White noch Otis Rush bzw. John Mayall und Eric Clapton die Ehre und einige White Stripes-Hits dürfen natürlich nicht fehlen.  Patrick Keeler (von den Raconteurs) an den Drums schafft dabei  den Spagat, die markanten, reduzierten Beats zu bringen, ohne Meg Whites Spiel stumpf zu imitieren.

“Steady, As She Goes” war schon immer ein kleiner, feiner Indiehit. Über die Jahre hat sich das Stück – als Setcloser mit unprovozierter Mitsing-Einlage – zu einer Hymne in  der Seven Nation Army-Kategorie entwickelt. Mittreißend.

Mit dem pumpenden und zuckenden “Icky Thump”, einer wütenden Abrechnung mit Bigotterie und Fremdenfeindlichkeit aus Zeiten von  Get Behind Me Satan , eröffnet White den Zugabenteil dieses großartigen Konzertes. Nach “Seven Nation Army” ist dann Schluss und wir dürfen wieder an die Handys. Nächstes Mal nehmen wir uns auch ein Reclam-Büchlein mit.

That’s How I’m Feeling
Dead Leaves and the Dirty Ground
Old Scratch Blues
G.O.D. and the Broken Ribs
What’s the Rumpus?
Love Interruption
Hotel Yorba
Broken Boy Soldier
Derecho Demonico
Cannon
Ball and Biscuit
It’s Rough on Rats (If You’re Asking)
Stop Breakin’ Down Blues
Underground
Top Yourself
All Your Love (I Miss Loving)
Fell in Love With a Girl
Hello Operator
Steady, as She Goes

Encore:
Icky Thump
Lazaretto
Seven Nation Army